Kiew: Fest der „Taufe der Rus“ mit getrennten Kreuzprozessionen

Ukrainisch-orthodoxe Kirche und „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ gedenken getrennt der großen Ereignisse des Jahres 988 – Trotz des Drucks der Poroschenko-Administration war in den letzten Jahren die Teilnehmerzahl der Prozession der ukrainisch-orthodoxen Kirche stark gestiegen

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Foto: © Города России. М.:Белый город, 2005 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain/ United States public domain)

Kiew, 25.07.19 (poi) In Kiew wird das Fest der „Taufe der Rus“ am 27./28. Juli mit getrennten Kreuzprozessionen der ukrainisch-orthodoxen Kirche (des Moskauer Patriarchats) und der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ begangen. Am Vormittag des 27. Juli beginnt die Feier der ukrainisch-orthodoxen Kirche auf dem Wladimir-Hügel, um 13 Uhr leitet das Oberhaupt der Kirche, Metropolit Onufrij (Berezowskij), dort  ein feierliches Dankgebet. Im Anschluss beginnt um 13:30 Uhr die große Kreuzprozession zum Kiewer Höhlenkloster (Petscherskaja Lawra). Im Vorjahr hatten 250.000 Gläubige an  der Prozession teilgenommen, obwohl Teile des Behördenapparats und radikal-nationalistische Organisationen die Abhaltung der Prozession zu behindern trachteten. Am Sonntag, 28. Juli, zelebriert Metropolit Onufrij auf dem Platz vor der Kathedrale der Entschlafung der Gottesmutter im Höhlenkloster die Göttliche Liturgie; seine Konzelebranten sind orthodoxe Bischöfe aus der ganzen Ukraine, aber auch aus anderen orthodoxen Kirchen, etwa der serbischen sowie der tschechischen und slowakischen Kirche. Den Abschluss der Liturgie bildet die feierliche Heiligsprechung von drei Märtyrern, unter ihnen der Priester und Theologieprofessor Aleksandr Glagolew (1872-1937). Glagolew war ein unbeugsamer Gegner des theologischen wie politischen Antisemitismus. Bei den Pogromen 1905 trat er in Kiew gemeinsam mit anderen orthodoxen Priestern in vollem Ornat mit Kreuzen und Ikonen dem  Pöbel entgegen, der die jüdischen Geschäfte und Häuser plündern wollte.  Beim berüchtigten Ritualmordprozess gegen Menahem Mendel Beilis 1913 trug die Experten-Aussage Glagolews wesentlich zum Freispruch des Angeklagten bei. 1937 wurde der Theologe vom NKWD verhaftet und erschossen.

In der Refektoriumskirche des Höhlenklosters werden die Gläubigen Gelegenheit haben, berühmte Marienikonen aus allen Teilen der Ukraine und Reliquien von ukrainischen Glaubenszeugen und Märtyrern – wie dem Chirurgen und Bischof Lukas von Simferopol oder dem Metropoliten Wladimir (Bogojawlenskij), der 1918 der erste orthodoxe Bischof war, der dem Terror der Bolschewiki zum Opfer fiel – im Gebet zu verehren.

Das Oberhaupt der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“, Metropolit Epifanij (Dumenko), wird am Sonntagvormittag, 28. Juli, die Göttliche Liturgie auf dem Platz vor der Kiewer Hagia Sophia zelebrieren. Anschließend beginnt die „ukrainische Kreuzprozession“ zum Denkmal des Heiligen Apostelgleichen Großfürsten Wladimir auf dem Wladimir-Hügel. In den Einladungen zur Kreuzprozession heißt es: „Mit dem Segen Gottes feiern wird dieses Jahr das wichtige Ereignis der Taufe der Rus in unserer unabhängigen vereinigten lokalen Orthodoxen Kirche der Ukraine“. Aus dem Phanar wird eine hochrangige Delegation zur Feier der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ erwartet, der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hatte die Entsendung dieser Delegation vor kurzem in einem TV-Interview angekündigt. Die Delegation wird kostbare Reliquien des Heiligen Andreas mitbringen; der Apostel wird in der Ukraine viel verehrt, nach der Tradition predigte er das Evangelium nicht nur in den damals römischen Küstengebieten der heutigen Ukraine, sondern drang auch bis Kiew vor.

„Ehrenpatriarch“ Filaret (Denisenko), der sich von der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ wieder distanziert und das von ihm begründete „Kiewer Patriarchat“ revitalisiert hat, wird an der Kreuzprozession der neuen Kirche nicht teilnehmen. Er zelebriert am 28. Juli in der von ihm kontrollierten St. Wladimir-Kathedrale die Göttliche Liturgie und führt dann eine Prozession um diese Kathedrale.

In der öffentlichen Debatte vor dem Ereignis des Festes der „Taufe der Rus“ wirken noch die Auseinandersetzungen der letzten Jahre nach. So erinnerte der stellvertretende Leiter des Außenamts der ukrainisch-orthodoxen Kirche, Erzpriester Nikolai Danilewytsch, daran, dass die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Kreuzprozession seiner Kirche von Jahr zu Jahr gewachsen sei: „Der Druck auf unsere Kirche und die offene Verfolgung veranlassen die Menschen, ihre Solidarität mit der Kirche und die Zugehörigkeit zu ihr durch die Teilnahme an der Prozession zum Ausdruck zu bringen“. Die Gläubigen seien damit wahrhafte „Bekenner des Glaubens“ geworden. Danilewytsch rechnet damit, dass es heuer nicht – wie in vergangenen Jahren – „Druck, Verleumdung, administrative Maßnahmen“ gegen die Prozession der ukrainisch-orthodoxen Kirche geben wird. Auch werde es kaum Versuche geben, autobusweise „Gläubige“ zur Prozession der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ heranzuführen, wie das im Vorjahr bei der damaligen gemeinsamen Prozession von „Kiewer Patriarchat“ und „Autokephaler ukrainischer orthodoxer Kirche“ auf Veranlassung der Parteigänger des damaligen Präsidenten Petro Poroschenko geschehen sei. Es sei auffällig gewesen, wie viele dieser „Gläubigen“ in Shorts und T-Shirts an der Prozession teilnahmen, auch habe man kaum Kreuze oder Ikonen bei ihnen gesehen, dafür aber viele Nationalflaggen. Auch bei den Gesängen seien mehr National- als Kirchenlieder zu hören gewesen. Im Hinblick auf die Zukunft meinte Erzpriester Danilewytsch: „Es wäre schön, wenn es eine einzige Kreuzprozession geben würde und die Renegaten wieder zurückkehren, damit es nur eine Kirche gibt. Aber persönliche und geopolitische Ambitionen verhindern das bislang“.

Mit dem Fest der „Taufe der Rus“ wird in der Ukraine, Russland und Weißrussland an ein doppeltes Ereignis des Jahres 988 erinnert: Die Taufe von Großfürst Wladimir in Cherson, einer griechisch-oströmischen Stadt auf der Krim, die in den slawischen Chroniken Korsun genannt wird, und die Massentaufe der Bewohner von Kiew in den Fluten des Dnjepr.