Montenegro: Aufregung um Verhaftung eines orthodoxen Bischofs

Bischof Joanikije von Budimlje und Niksic sollte im Arrestantenwagen zum Polizeikommissariat gebracht werden, weil es zu einer spontanen Prozession zu Ehren des Heiligen Basil von Ostrog gekommen war – Krisentelefonat des serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej mit dem serbischen Staatspräsidenten Vucic

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Foto: © Djordje Stakić (Quele: WIkimedia; Lizenz: Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Podgorica-Belgrad, 14.05.20 (poi) In Montenegro wurde der orthodoxe Bischof von Budimlje und Niksic, Joanikije (Micovic), verhaftet, weil es am Dienstag, 12. Mai, ausgehend von der Kathedrale von Niksic zu einer eindrucksvollen Prozession zu Ehren des Heiligen Basil von Ostrog gekommen war. Der Bischof hatte zu der Prozession, die gegen die coronabedingten Vorschriften verstieß, nicht eingeladen, es war eine spontane Initiative der Gläubigen.  Die dramatischen Umstände der Verhaftung des Bischofs haben in Montenegro ungeheure Aufregung ausgelöst. In  Belgrad hielt Patriarch Irinej, das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche, am Mittwoch eine telefonische Krisensitzung mit Staatspräsident Aleksandar Vucic. Dabei wurde die sofortige Freilassung von Bischof Joanikije und seiner Priester verlangt.

Am Dienstagabend präsentierte sich gegen 22 Uhr ein großes Polizeiaufgebot vor dem Bischofshaus in Niksic, um Bischof Joanikije und weitere sieben Priester seiner Eparchie festzunehmen. Die Polizisten wollten den Bischof und die Priester in einer „marica“ (montenegrinisches Äquivalent des Arrestantenwagens „Grüner Heinrich“) zum Polizeikommissariat verfrachten. Der Bischof und die Priester weigerten sich, in das Polizeigefährt einzusteigen und gingen zu Fuß. In einer Erklärung der Eparchie heißt es, die Polizisten hätten offensichtlich die Absicht gehabt, den Bischof zu demütigen und ihn wie einen Verbrecher im Arrestantenwagen vorzuführen, wogegen er sich „mit Würde“ zur Wehr gesetzt habe. Bei dem Wortwechsel mit den Polizisten stellte Bischof Joanikije fest: „Wenn ihr gekommen seid, um mich im Namen des Volkes zu verhaften, das bei der Prozession war, habe ich damit kein Problem. Bisweilen schäme ich mich, in Freiheit zu sein, wenn man all das sieht, was sich bei uns ereignet. Ihr seid in der Nacht gekommen, um mich und meine Priester festzunehmen, als wenn wir Mafiosi wären. Da unser Land voll von Mafiosi ist, warum sucht ihr nicht nach denen?“

Am Ort des Geschehens hatte sich bald eine tausendköpfige Volksmenge angesammelt, Bischof Joanikije appellierte aber an die Menschen, sich zu zerstreuen und die Polizisten nicht zu attackieren. Nach einem ersten Verhör im Polizeikommissariat wurden der Bischof und die Priester um zwei Uhr in der Nacht in das Büro des Staatsanwalts gebracht, der nach einem zweistündigen Verhör eine bis zu 72-stündige Untersuchungshaft verhängte.

Bischof Joanikije stellte in einer schriftlich verbreiteten Erklärung fest, er habe ursprünglich nur einen bescheidenen  Umzug um die Kathedrale führen wollen, aber die Gläubigen hätten sich spontan zu der großen Prozession gesammelt, „das  Volk wollte es“. Wörtlich stellte der Bischof fest: „Wir verstehen und unterstützen die Maßnahmen gegen die Coronavirus-Epidemie…Aber offenbar verstehen gewisse Leute nicht, welch große Bedeutung die Prozession zu Ehren des Heiligen Basil für die Bewohner der Stadt Niksic hat“.

In dem Krisentelefonat mit Präsident Vucic betonte Patriarch Irinej, man müsse die gesamte Entwicklung der feindseligen Haltung der Regierung in Podgorica gegen die orthodoxe Kirche sehen. Das habe mit der Verabschiedung des umstrittenen Gesetzes über die Religionsfreiheit und das „flagrante Ignorieren“ des Verlangens der orthodoxen Kirche nach Gleichbehandlung mit den anderen Religionsgemeinschaften und Wahrung ihrer seit Jahrhunderten bestehenden Rechte begonnen. Dass jetzt ein Bischof und seine Priester verhaftet wurden, sei der Beweis, dass die „montenegrinische Regierung eine Verfolgung der serbisch-orthodoxen Kirche in Gang setzen will“.  Patriarch und Präsident betonten ihre Sorge über die Entwicklung und brachten die Hoffnung zum Ausdruck, dass das Volk  “friedlich und ruhig“ agieren werde. Vucic versicherte den Patriarchen seiner vollen Unterstützung, damit „alle Probleme, mit denen die Bischöfe in Montenegro konfrontiert sind, im Dialog auf friedliche Weise und im vollen Respekt für die Freiheit der serbisch-orthodoxen Gläubigen“ gelöst werden können.

Im April (am orthodoxen Palmsonntag und am Mittwoch der orthodoxen Osterwoche) war es bereits zu Behelligungen des montenegrinischen Metropoliten Amfilohije (Radovic) durch die Polizei gekommen. Am 6. Mai wurden in Berane fünf orthodoxe Priester festgenommen, weil in dem montenegrinischen Städtchen eine spontane Prozession zu Ehren des Heiligen Georg stattgefunden hatte. In einer Erklärung der Metropolie hies es damals, die orthodoxen Gläubigen von Berane verwahrten sich gegen die „aggressive Behandlung“ orthodoxer Priester durch die Sicherheits- und Justizorgane. Die Mönchspriester aus dem örtlichen Georgskloster hätten am Georgsfest am 6. Mai für die Gesundheit aller Bewohner von Berane gebetet und sich dabei genau an die regierungsamtlichen sanitären Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Epidemie gehalten.  Die Prozession sei spontan zustande gekommen. Dass die Mönchspriester stundenlang verhört wurden, sei ein „unehrenhaftes Verhalten“ der Behörden gewesen. In Berane habe es nicht einen einzigen Corona-Fall gegeben, offensichtlich sei es darum gegangen, die Priester zu demütigen.  In Berane gingen an den folgenden Abenden immer wieder Gläubige auf die Straßen und riefen Slogans wie „Wir lassen unsere Priester nicht im Stich“ oder „Wir geben unsere Heiligtümer nicht auf“.