Rudolf Prokschi neuer Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich

Neuwahl des ÖRKÖ-Vorstands – Vollversammlung des ÖRKÖ war mitgeprägt durch Erschütterung und Trauer über den Angriff auf die Synagoge von Halle an der Saale zu Jom Kippur – Ausführliche Diskussion über die Verwendung des Begriffs „ökumenisch“

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Foto: © Bwag (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Wien, 10.10.19 (örkö)  Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) hat am Donnerstag bei seiner Vollversammlung  im serbisch-orthodoxen Bischofshaus in Wien die Neuwahl des Vorstands für die Funktionsperiode ab 1. Jänner 2020 (sie dauert bis 31. Dezember 2022) vorgenommen. Zum Vorsitzenden wurde Prof. i.R. Rudolf Prokschi (u.a. Domdekan des Wiener Domkapitels und Vizepräsident der Stiftung „Pro Oriente“) gewählt, zu seinen Stellvertretern der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura und der reformierte Landessuperintendent (und bisherige ÖRKÖ-Vorsitzende) Thomas Hennefeld. Als Schatzmeister wurde  der anglikanische Kanonikus Patrick Curran gewählt, als sein Stellvertreter der koptisch-orthodoxe Priestermönch Lukas Daniel. Als Schriftführerin wurde die methodische Pastorin Esther Handschin bestätigt, als ihre Stellvertreterin die evangelisch-lutherische Oberkirchenrätin Ingrid Bachler. Mit Prof. Prokschi stellt zum ersten Mal seit 2005 wieder die römisch-katholische Kirche den Vorsitz im Ökumenischen Rat; von 2000 bis 2005 war die legendäre „Mutter der Ökumene“, Oberin Christine Gleixner, ÖRKÖ-Vorsitzende gewesen.

Die Vollversammlung war mitgeprägt durch Erschütterung und Trauer über den Angriff auf die Synagoge von Halle an der Saale zu Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Fest. Pastorin Handschin  nahm bereits in der Andacht zu Beginn der Vollversammlung auf das bedrückende Ereignis Bezug. Landessuperintendent Hennefeld betonte die „tiefe Solidarität und das Mitgefühl“ gegenüber der jüdischen Gemeinde. Er überbrachte Grüße und Solidaritätsbekundung der  ÖRKÖ-Vollversammlung auch beim Treffen der „Plattform der Kirchen und Religionsgesellschaften“, das am Nachmittag in Wien stattfand.

Breiten Raum nahm in der Diskussion der Vollversammlung die Bemühung um eine Definition von Ökumene ein. Hintergrund war die zunehmende Zahl von als „ökumenisch“ bezeichneten Veranstaltungen, die auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden, aber nichts mit dem ÖRKÖ zu tun haben. Landessuperintendent Hennefeld hielt fest, dass die Begriffe „Ökumene“ oder „ökumenisch“  nicht geschützt sind. Aber es sei wichtig, in der Öffentlichkeit klarzustellen, wofür die institutionelle Ökumene, speziell der ÖRKÖ, „mit einem bestimmten Profil steht und wofür nicht“. In den letzten Jahren habe sich parallel zur historisch gewachsenen Ökumene unter dem Titel „Weg der Versöhnung“ auch ein Zusammenschluss von Leitern von Freikirchen, evangelikalen und Pfingst-Gemeinschaften entwickelt. Die klassische Ökumene habe keinen „Alleinvertretungsanspruch“, aber in diesem „Nebeneinander“ gebe es auch „Verwechslungen, Irritationen und Überschneidungen“. Manche Positionen – auch gesellschaftspolitischer Natur -, die von den freikirchlichen Gemeinschaften vertreten werden, seien „nicht unbedingt kompatibel mit denen des ÖRKÖ“.

Hennefeld unterstrich ausdrücklich, dass er für den Dialog mit den neuen Gruppierungen eintrete. Zugleich müsse aber auch in der Öffentlichkeit klar gemacht werden, wofür der ÖRKÖ steht und wofür nicht. In der Diskussion wurde vielfach betont, dass es darum gehe, den Begriff Ökumene „mit konkretem Inhalt zu füllen“.

Bei der Vollversammlung wurde auch ein intensives Gespräch mit dem stellvertretenden Kirchenpräsidenten der Neuapostolischen Kirche (NAK), Walter Hessler, geführt. Seit mehr als zehn Jahren bestehen Kontakte mit dieser Kirche, die in Österreich rund 5.000 Mitgliede zählt (weltweit rund neun Millionen). In einzelnen Bundesländern – etwa in der Steiermark – ist diese Kirche Vollmitglied der regionalen ökumenischen Plattform. Die Neuapostolische Kirche hat jetzt einen formellen Antrag auf Mitgliedschaft als Beobachterin im ÖRKÖ gestellt. Dieser Antrag muss jetzt ein Jahr lang von den Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates geprüft werden. Die Abstimmung über den Antrag der NAK wird bei der ÖRKÖ-Vollversammlung im Herbst 2020 erfolgen.

 

Rudolf Prokschi: „Theologie im Dienst des Dialogs“

Der zum Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählte Ostkirchenfachmann ist u.a. auch Vizepräsident der Stiftung „Pro Oriente“ und Vorsitzender der Wiener Diözesankommission für ökumenische Fragen

Wien, 10.10.19 (örkö/poi) „Theologie im Dienst des Dialogs“ ist das bleibende Anliegen von Prof. i.R. Rudolf Prokschi, der am Donnerstag zum neuen Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) gewählt wurde. Von 2004 bis 2018 hatte er an der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät Patrologie und Ostkirchenkunde gelehrt und die Fakultät in dieser Zeit u.a. als Vizedekan und als Vorstand des Instituts für Theologie und Geschichte des christlichen Ostens geprägt. Als Vizepräsident der Stiftung „Pro Oriente“ und Obmann des Vereins „Pro Oriente – Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung der ökumenischen Beziehungen“, als Mitglied des Internationalen Orthodox-Katholischen Arbeitskreises St. Irenäus und als Rektor des „Thomaskollegs“ leistet der Domdekan des Wiener Domkapitels einen großen Beitrag für den Dialog zwischen Ost- und Westkirche. Als Vorsitzender der Wiener Diözesankommission für ökumenische Fragen liegt ihm aber auch das ganze Spektrum der Ökumene am Herzen.

Rudolf Prokschi stammt aus Asparn an der Zaya, er studierte von 1972 bis 1977 in Wien Theologie, 1978 wurde er von Kardinal Franz König zum Priester geweiht. 1981 bis 1988 war er Universitätsassistent (er ist ein Schüler des Ostkirchenfachmanns em. Prof. Ernst Christoph Suttner), von 1983 bis 1988 auch Studienpräfekt am Wiener Priesterseminar. 1988 promovierte er in Wien, 1988 bis 1996 war er Pfarrer in Wien Ober-St. Veit und Spiritual am damals noch bestehenden Seminar für kirchliche Berufe. 1996 bis 1998 absolvierte er einen Forschungsaufenthalt in Moskau (wo er auch als Seelsorger der deutschsprachigen katholischen Gemeinde tätig war). Seither gilt sein besonderes wissenschaftliches Interesse dem bahnbrechenden russischen Landeskonzil von 1917/18 und dem aktuellen Verhältnis von Staat und Kirche in Russland. Von 1998 bis 2003 lehrte er an der Universität Würzburg, an der Benediktinerabtei „Dormitio“ in Jerusalem und an der Universität Fribourg, bevor er 2004 dem Ruf nach Wien folgte.

Parallel zur wissenschaftlichen Tätigkeit war und ist Prof. Prokschi als Seelsorger und in der geistlichen Begleitung im Einsatz. Dieser Akzent ist für ihn sehr wichtig. Wie er in einem Interview mit „Christ in der Gegenwart“ sagte, sei es schließlich ja auch die Spiritualität gewesen, die ihn zu den Ostkirchen geführt habe. In dem „Christ in der Gegenwart“-Interview bezeichnete Prof. Prokschi auf Grund seiner Erfahrungen an der Universität und in der Diözese die Einheit unter den Christen als wichtiges und drängendes Problem für die Theologie der Gegenwart. Im Hinblick auf seinen persönlichen Zugang zur ostkirchlichen Welt stellte der Wiener Theologe fest: „Einer meiner ersten Zugänge zu den Ostkirchen waren die ‚Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers‘, die Begegnung mit dem sogenannten ‚Jesus- oder Herzensgebet‘. Mit den entsprechenden Autoren in der ‚Philokalie‘ habe ich mich intensiv beschäftigt, ohne behaupten zu wollen, dass ich voll in die Praxis des immerwährenden Gebets eingedrungen bin. Trotzdem erahne ich gerade hier einen tiefen Schatz der ostkirchlichen Tradition“.

Kardinal Franz König sei sein „theologisches Vorbild“, betonte Prof. Prokschi. König sei beim Zweiten Vatikanischen Konzil einer der bedeutenden Bischöfe und Theologen gewesen, „insbesondere was den ökumenischen Dialog und das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen betrifft“. Bis ins hohe Alter habe sich der Wiener Alterzbischof intensiv mit diesen Fragen beschäftigt. Zum Zeitpunkt des Interviews setzte sich Prokschi gerade mit der Publikation von Jörg Zink „Die Urkraft des Heiligen. Christlicher Glaube im 21. Jahrhundert“ auseinander. Zink – der bereits verstorben ist – habe einen „interessanten Zugang zum Kernstück des christlichen Glaubens gewählt“.