Tur Abdin: Die Probleme des Wiederaufbaus

In Salzburg lehrender syrisch-orthodoxer Theologe Prof. Shemunkasho berichtet bei Workshop aus Anlass des diesjährigen „Tages des Denkmals“ über die einschlägigen Fragen

0
351
Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic)

Wien, 26.09.19 (poi) Dem Wiederaufbau und der Wiederbesiedlung im Tur Abdin – dem Herzland des syrisch-orthodoxen Christentums in Südost-Anatolien – ist der Höhepunkt des „Wiener Workshops Wiederaufbau“ gewidmet, der am Sonntag, 29. September, von 13 bis 17 Uhr, in der Universitätsgalerie Heiligenkreuzer Hof in der Wiener Innenstadt stattfindet. Prof. Aho Shemunkasho, der selbst aus dem Tur Abdin stammt und an der Universität Salzburg lehrt, wird (ab etwa 16:20 Uhr) über die Bemühungen berichten, im Tur Abdin die syrisch-orthodoxen Klöster – die ältesten der Welt – und das Netz der christlichen Dörfer wiederherzustellen. Ursprünglich hatte es im Tur Abdin mehr als 80 Klöster und rund 1.000 Kirchen gegeben. Vieles wurde während des „Sayfo“ (der vom jungtürkischen Regime im Ersten Weltkrieg ab 1915 inszenierten Vernichtungskampagne gegen die Christen der syrischen Tradition) zerstört, anderes im Zug der Auseinandersetzung zwischen türkischen Armee- und Gendarmerie-Einheiten und kurdischen Separatisten in den 1970er- bis 1990er Jahren. Viele syrisch-orthodoxe Christen haben ab den 1970er-Jahren den Tur Abdin verlassen und sich in Europa (in Schweden, Deutschland, den Niederlanden, auch in Österreich) ein neues Leben aufgebaut. In den letzten Jahren gibt es eine Rückkehrbewegung, die zu einer Wiederbelebung der christlichen Tradition des Tur Abdin geführt hat. Das Schicksal des Tur Abdin war erst vor wenigen Tagen ein zentrales Thema bei der Jahrestagung der „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) in Salzburg; zwei prominente Bischöfe, die aus dem Tur Abdin stammen – Mor Philoxenos Saliba Özmen von Mardin und Amid  und der Metropolit der Niederlande, Mor Polycarpos Augin Aydin –,  berichteten dort über die aktuelle Situation.

Prof. Shemunkasho schildert am 29. September  – dem „Tag des Denkmals“ 2019 -, wie der Wiederaufbau verlassener syrisch-orthodoxer Klöster und Dörfer im Tur Abdin vor sich gegangen ist und welche Probleme sich dabei stellten und stellen.

Seine Ausführungen bilden Abschluss und Höhepunkt des „Workshops Wiederaufbau“ der Universität für Angewandte Kunst, bei dem auch des 20. Jahrestags des 2. Protokolls zur Haager Konvention gedacht wird. Unter den Referenten sind u.a.  Prof. Gabriela Krist („Der UNESCO-Lehrstuhl für die Erhaltung von Kulturerbe an der Universität für Angewandte Kunst Wien“), Bruno Maldoner („Die historische Perspektive: Zum Wiederaufbau von Wien nach dem Zweiten Weltkrieg“), Patrizia Jankovic („Sündenfall Warschau? Rekonstruktion und Wiederaufbau im Kontext des UNESCO-Welterbes“) und Karl von Habsburg („Blue Shield und sein Auftrag für den Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten und Naturkatastrophen“) .

Der Workshop geht davon aus, dass es auch nach Katastrophen aller Art im Zug von Wiederaufbaumaßnahmen aus unterschiedlichen Gründen zu Zerstörungen des Kulturerbes kommen kann: Zeitdruck zur Wiederherstellung von Infrastruktur und Wohnraum, fehlendes Bewusstsein für Kulturgüterschutz, politische, finanzielle und soziale Schwäche der individuellen Eigentümer der betroffenen Bauten, Machtkämpfe, Profitgier, Korruption sowie der scheinbare Gegensatz zwischen Bewahrung des kulturellen Erbes und der Notwendigkeit von urbaner Entwicklung. Bei der Veranstaltung in der Universitätsgalerie Heiligenkreuzer Hof wird das Dilemma an Hand konkreter Beispiele aus verschiedenen Weltgegenden belegt. (Infos: Prof. Friedrich Schipper, E-Mail: friedrich.schipper@blueshield.at).