Ukraine: „Die Politik darf sich nicht in kirchliche Fragen einmischen“

Positive Reaktionen auf den Besuch von Präsident Selenskij beim Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. im Phanar

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Foto: © Ukrinform TV (Quelle: Wikimedia: Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Konstantinopel-Kiew, 09.08.19 (poi)  „Die Politik darf sich nicht in kirchliche Fragen einmischen“: Diese Feststellung des neuen ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij bei seiner Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. im Phanar am Donnerstagabend hat in der Ukraine, aber auch in der ganzen orthodoxen Welt ein positives Echo ausgelöst.  Laut ukrainischer Präsidentschaftskanzlei sagte Selenskij bei der Begegnung im Thronsaal des Phanar wörtlich: „Unser gemeinsamer Wert ist das menschliche Leben. Das ist das Wichtigste für mich, vor allem jetzt, seit ich Präsident der Ukraine bin. Die staatlichen Autoritäten sollen sich nicht in kirchliche Fragen einmischen. Ich werde die Unabhängigkeit der Kirche verteidigen“.

Patriarch Bartholomaios I. betonte seinerseits die Unabhängigkeit der neugegründeten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“. Der Ökumenische Patriarch ersuchte den Präsidenten um „Schutz und Unterstützung“ für die neue Kirche und fügte hinzu: „Konstantinopel hat Euch vor 1.031 Jahren die Taufe gegeben und jetzt die Unabhängigkeit, die Fähigkeit für Eure Kirche, unabhängig von jeder äußeren Einflussnahme tätig zu sein. Konstantinopel wird sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Kirche der Ukraine einmischen. Diese Kirche ist völlig unabhängig und autokephal. Ihr wird aus dem Phanar nur höchster Schutz und ständige Fürbitte für ihre Tätigkeit zuteil werden“.

In politischer Hinsicht erneuerte Bartholomaios I. seine Unterstützung für die „territoriale Integrität und Souveränität der Ukraine“. Präsident Selenskij dankte dem Patriarchen für seine Unterstützung. Das persönliche Gespräch zwischen dem Ökumenischen Patriarchen und dem ukrainischen Präsidenten dauerte eine Stunde.  Nach einem Lunch zu seinen Ehren besichtigte Selenskij in Anwesenheit von Bartholomaios I. die Georgskathedrale im Phanar, wobei ihm der neuernannte Exarch des Ökumenischen Patriarchen in Kiew, Erzbischof Michael, die Geschichte und die Kunstschätze der barocken Kathedrale erläuterte.

Beim Abschied aus dem Phanar sagte Selenskij im Gespräch mit dem TV-Sender „1+1“: „Wir haben über alles geredet, über die Situation in der Ukraine, über die kriegerischen Auseinandersetzungen im Donbass, über die Lage auf der Krim, über alles, was alle betrifft. Ich bin glücklich, dass wir hier nicht nur auf politischer Ebene eine starke Unterstützung haben“.

Die BBC berichtete über einen „Misston“ beim Besuch Selenskijs im Phanar.  Offensichtlich war vom Ökumenischen Patriarchat und dem ukrainischen Außenministerium eine „gemeinsame Erklärung“ über Klimakrise und Umweltfragen vorbereitet worden, die Bartholomaios I. – der oft als „grüner Patriarch“ apostrophiert wird – besonders am Herzen liegen. Die ukrainische Präsidentschaftskanzlei goutierte den Entwurf des Dokuments aber nicht.

Präsident Selenskij wurde im Phanar u.a. vom stellvertretenden Direktor der Präsidentschaftskanzlei, Wadim Prystaiko, und vom Präsidentenberater Andrij Jermak begleitet.  Patriarch Bartholomaios I. standen u.a. der Metropolit von Paris, Emmanuel (Adamakis), und der Metropolit von Adrianopel (Edirne), Amphilochios (Stergios), zur Seite. Der Besuch Selenskijs im Phanar erfolgte im Zug seines Staatsbesuchs in der Türkei. Zum Programm gehörten auch Begegnungen mit ukrainischen und tatarischen Kommunitäten.

In Kiew reagierte Erzpriester Nikolaj Danilewytsch, stellvertretender Leiter des Außenamts der ukrainisch-orthodoxen Kirche, sehr positiv auf die Äußerungen von Präsident Selenskij im Phanar. Die Feststellung des Präsidenten, dass sich die Politik nicht in kirchliche Fragen einmischen dürfe, sei ein „gutes Signal“ für die orthodoxe Kirche. „Wir möchten hoffen, dass die Zeit unverschämten Missbrauchs des kirchlichen Faktors und der plumpen staatlichen Einmischung in kirchliche Fragen vorbei ist“, schrieb Erzpriester Danilewytsch auf „Facebook“. Er erinnerte daran, dass Selenskij in seiner Inaugurationsrede festgestellt hatte, dass er die ukrainischen Bürger nicht in „gute“ und „schlechte“ unterteilen wolle. Jetzt gebe es „vorsichtigen Optimismus“: „Vielleicht werden in Zukunft nicht nur gewaltsame ‚Übernahmen‘ unserer Gotteshäuser aufhören, sonder auch schon beschlagnahmte Kirchen den Gläubigen zurückgegeben werden“.