Wien: Neuer russisch-orthodoxer Bischof zelebrierte erstmals in der Nikolauskathedrale

Gebet für die Überwindung der Corona-Pandemie und für den Frieden in der Ukraine – Coronabedingt konnte der bereits im März ernannte Bischof erst jetzt nach Wien übersiedeln

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Foto: © Thomas Ledl (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Wien, 27.12.20 (poi) Der neue russisch-orthodoxe Bischof in Wien, Aleksij (Zanotskin), hat am 25. Dezember zum ersten Mal in der Nikolauskathedrale im 3. Bezirk die Göttliche Liturgie zelebriert. Der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats hatte den Bischof, der auch Titularbischof von Kafa (Caffa) ist, am 11. März zum Administrator der russisch-orthodoxen Eparchie Wien und Österreich ernannt. Coronabedingt konnte der Bischof erst jetzt nach Wien übersiedeln. Mit Bischof Aleksij konzelebrierten am 25. Dezember der Pfarrer der Kathedrale, Erzpriester Wladimir Tyschuk, Archimandrit Georgij Vostrel, Erzpriester Radoslav Ristic, die Priester Wasilij Tolstunow und Georgij Ryaschko sowie Erzdiakon Viktor Schilowsky. Der Bischof betete bei der Liturgie u.a. für die Überwindung der Corona-Pandemie und für den Frieden in der Ukraine.

Bischof Aleksij wurde 1975 in der russischen Stadt Orjol geboren. Er studierte an der Technischen Universität seiner Heimatstadt, die er 1998 als Ingenieur abschloss. Dann entschloss er sich für das Priestertum, am 25. Juni 2000 wurde er von Erzbischof Paisij von Orjol zum Diakon und am 11. September desselben  Jahres zum Priester geweiht. 2004 erhielt er im Marienkloster in Orjol die Mönchsweihe. 2010 bis 2016 studierte er an der Moskauer Theologischen Akademie. 2012 wurde er Abt des neugegründeten St. Kukscha-Klosters. Der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats erhob ihn 2017 zum Vikarbischof für Orjol, am 9. April 2017 erteilte ihm der Moskauer Patriarch Kyrill I. die Bischofsweihe.

Die russisch-orthodoxe Kirche kann in Wien auf eine mehrhundertjährige Geschichte zurückblicken, die eng mit der russischen diplomatischen Vertretung verbunden war, ab der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert auch mit der Präsenz großer aristokratischer Familien (Razumovsky usw.). Das Herz der russischen Diözese ist die eindrucksvolle Nikolauskathedrale im 3. Wiener Bezirk. Sie wurde in den Jahren von 1893 bis 1899 nach Plänen des russischen Architekten Grigorij I. Kotow (1859-1942) erbaut. Zar Alexander III. schenkte der Kathedrale schon zu Baubeginn vier imposante Granitsäulen und einen prachtvollen Luster. Durch die politischen Umstände ab 1914 war die Kathedrale viele Jahre geschlossen oder zweckentfremdet. Erst 1946 wurde sie auf Grund der Bemühungen des damaligen sowjetischen Stadtkommandanten, General Aleksij Blagodatow, wieder für den Gottesdienst geöffnet. Bei der Restaurierung in den Jahren 2003 bis 2008 erfolgte unter Leitung des in Russland hochangesehenen Malermönchs Archimandrit Zenon auch die Ausmalung der Oberkirche.

Das Moskauer Patriarchat bemühte sich viele Jahre um die staatliche Anerkennung seiner 1962 begründeten Wiener Diözese. Diese Anerkennung wurde durch die 2011 erfolgte Novellierung des Orthodoxengesetzes möglich. Patriarch Kyrill I. von Moskau hatte die im Hinblick auf die österreichischen staatskirchenrechtlichen Vorschriften novellierten Statuten der Diözese am 15. Dezember 2011 genehmigt. Innerhalb der Diözese wurden drei russisch-orthodoxe Kirchengemeinden – Wien, Linz und Graz – gebildet. Mittlerweile ist eine weitere russisch-orthodoxe Gemeinde in Salzburg hinzugekommen, die zur mit dem Moskauer Patriarchat wiedervereinigten russischen Auslandskirche (ROCOR) gehört. Derzeit gibt es in Wien und Niederösterreich neben der Nikolauskathedrale nur zwei weitere russisch-orthodoxe Gottesdienststätten, die Lazaruskapelle auf dem Zentralfriedhof und die neue Kirche in Laa an der Thaya. An mehreren Orten in Österreich gibt es Grabanlagen und Kapellen russischer Kriegsgefangener aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, wo auch Gottesdienste gefeiert werden.

Das 50-Jahr-Jubiläum der russisch-orthodoxen Eparchie wurde im November 2012 im Zeichen der Einheit der orthodoxen Christen in Österreich und der Offenheit für den ökumenischen Dialog begangen. Der damalige Wiener russisch-orthodoxe Erzbischof Mark (Golowkow) sagte, dass die Orthodoxen in Österreich eine Familie „ungeachtet der verschiedenen Sprachen und Nationen“ bilden. Auch in der Nikolauskathedrale würden sich jeden Sonntag Menschen aus vielen Nationen zum Gottesdienst versammeln. Im Verhältnis zu den Katholiken gebe es „keine Widersprüche“, sondern „gegenseitige Liebe“. Das ermögliche die Zusammenarbeit im sozialen Bereich und auf anderen Gebieten.

In den von P. Bonifaz Tittel OSB auf Russisch verlesenen Grußworten von Kardinal Christoph Schönborn wurde auf die durch das „Aggiornamento“ beim Zweiten Vatikanischen Konzil bewirkte „Wiederentdeckung“ der orthodoxen Kirchen verwiesen und an den Einsatz von Kardinal Franz König für die Begegnung mit den Ostkirchen erinnert, was u.a. auch zur Gründung der Stiftung „Pro Oriente“ geführt habe. Kardinal Schönborn betonte, er neige sich – „zusammen mit vielen katholischen Christen“ – in Ehrfurcht vor dem Glaubenszeugnis der russisch-orthodoxen Kirche im 20. Jahrhundert. Die russische Kirche sei Jahrzehnte hindurch die „große Kirche der Märtyrer“ gewesen.

Ursprünglich hätte der frühere Moskauer Patriarch Aleksij II. die Neuweihe der Wiener Nikolauskathedrale nach den Renovierungsarbeiten von 2003 bis 2008 vornehmen sollen. Das Programm für den Wien-Besuch von Aleksij II. war bereits festgelegt, aber der Patriarch verstarb am 5. Dezember 2008, sodass es nicht mehr zu seinem Pastoralbesuch kommen konnte.