„Zum ökumenischen Dialog gibt es keine Alternative“

Der orthodoxe Theologe Prof. Grigorios Larentzakis legte beim offiziellen Requiem für Philipp Harnoncourt im Grazer Dom seine Überzeugung dar, dass zwischen katholischer und orthodoxer Kirche „nie ein großes endgültiges Schisma vollzogen wurde, auch im Jahr 1054 nicht“

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Foto: © Jeremy.toma (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Graz, 02.06.20 (poi) Zum ökumenischen Dialog gibt es keine Alternative, „die Zeit drängt, besonders jetzt, in der Zeit der pandemischen Weltkrise“: Dies betonte der stellvertretende Vorsitzende der Grazer „Pro Oriente“-Sektion, der orthodoxe Theologe em. Prof. Grigorios Larentzakis, am Mittwochabend im Dom der steirischen Landeshauptstadt beim offiziellen Requiem für den im Alter von 89 Jahren verstorbenen Vorkämpfer der Ökumene, Philipp Harnoncourt. Prof. Larentzakis zitierte zustimmend die Feststellung  Harnoncourts in dessen „Geistlichem Vermächtnis“: „Appelle  zur Geduld in der ökumenischen Arbeit habe ich immer als Ausreden wahrgenommen“.

Der orthodoxe Theologe nahm die Gelegenheit wahr, beim Requiem für seinen katholischen „Zwillingsbruder“ neuerlich seine Überzeugung darzulegen, dass zwischen katholischer und orthodoxer Kirche „nie ein großes endgültiges Schisma, keine gegenseitige gültige kirchliche Verurteilung, keine große Spaltung vollzogen wurde; auch im 11. Jahrhundert im Jahr 1054 nicht“. Wörtlich führte Prof. Larentzakis aus: „Es gibt kein zwingendes offizielles Datum der Spaltung. Dieses historische Faktum muss noch genauer untersucht und innerhalb unserer Kirchen durch intensivere ökumenische und historische Arbeit bewusster gemacht werden, damit alle bisherigen Vorurteile und falschen einseitigen polemischen Haltungen in einem aufrichtigen ökumenischen Dialog korrigiert und überwunden werden“.

Philipp Harnoncourt sei mit Leib und Seele Christ, Priester, Theologe, Wissenschaftler und Ökumeniker gewesen, unterstrich Prof. Larentzakis: „Er war überzeugt, dass die Gesamtkirche alle konfessionellen und raum-zeitlichen Grenzen überschreitet. Deshalb hat es ihn auch geschmerzt, dass immer noch die Einheit nicht voll verwirklicht werden kann“. Diese seine ökumenische Gesinnung habe Harnoncourt keineswegs gehindert, seine eigene römisch-katholische Kirche als ihr treues und überzeugtes Mitglied zutiefst zu lieben und ihr zu dienen. In seinem „Geistlichen Vermächtnis“ habe Harnoncourt daher auch feststellen können, dass sein oft sehr kritischer Blick auf seine Kirche nie „boshafter Schadenfreude“ entsprungen sei, sondern der „leidenschaftlichen und solidarischen Verbundenheit“ mit „seiner“ Kirche.

Prof. Larentzakis überbrachte beim Requiem auch den „herzlichen und mitfühlenden Verabschiedungsgruß“ des österreichischen orthodoxen Metropoliten Arsenios (Kardamakis) und des Mitbegründers der Orthodoxen Akademie von Kreta, Alexandros Papaderos. In diesem Zusammenhang hob der orthodoxe Theologe die Fähigkeit von Philipp Harnoncourt hervor, „Menschen zu sammeln und Christen aus dem Westen und dem Osten zusammenzubringen“.