Irak: „Ich werde nie vergessen, was uns der IS angetan hat“

Nach vier Jahren der Flucht wagt eine christliche Familie den Neuanfang

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Foto: © KIRCHE IN NOT Trip to Iraq of Oliver Maksan in June 2018 Musa and his daughter Miray (25). In August 2014, in the middle of the night, he, his wife and their six children were forced to flee Qaraqosh, which had up until that point been the largest Christian city in Iraq. They left everything behind and sought refuge in Erbil. They returned home in to return home in November of 2017. “I was shocked when I saw our city again for the first time. So much was destroyed. It was particularly devastating to find our house completely empty. Everything had been stolen,” Musa recalls. He still does not know who looted and damaged his house. They spent the next few years in a small flat that they had to share with another family. Their rent, just like that of thousands of other Christian families, was paid for them by Aid to the Church in Need (ACN). The family would not have been able to afford it on their own. .” With ACN’s help, Musa’s house has been made habitable again. Fortunately, the damage was within limits. The windows and doors had to be renewed, the rooms repainted. The family has to replace the furniture themselves. However, they now feel at home again. “I am deeply grateful to the benefactors for their help. We would not have been able to return home without their help.” Musa’s daughter agrees with her father. Miray is 25. She works as a nurse at the local hospital. ID 1800140 IRAQ / NATIONAL 18/00350 ID 1704649 IRAQ / NATIONAL 17/00333

2. August 2018 (Kirche in Not) von Oliver Maksan und Tobias Lehner

Musa ist ein Mann, der viel lacht und eine innere Ruhe ausstrahlt. Doch was dem 63-Jährigen und seiner Familie von den Truppen des sogenannten „Islamischen Staates“ angetan wurde, macht ihn heute noch zornig: „Ich werde nie vergessen, was uns die Terroristen angetan haben.“

Es war der 6. August 2014: Mitten in der Nacht mussten Musa, seine Frau und ihre sechs Kinder vor den heranrückenden Truppen des IS aus Karakosch fliehen, der bis dahin größten christlichen Stadt des Irak. So erging es zehntausenden Bewohnern der Ninive-Ebene, seit den Tagen der frühen Kirche christliches Siedlungsgebiet. Sie ließen alles zurück und suchten Zuflucht in Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan.

 

Drei Jahre heimatlos

Wie viele andere Vertriebene kampierten Musa und seine Familie die ersten Tage auf der Straße. Um sie auf die Schnelle unterzubringen, war der Ansturm der Geflüchteten zu groß – allein in Erbil waren es über 120 000. Staatliche Unterstützung blieb weitgehend aus. So war es die Kirche, die sich der Vertriebenen annahm. Bischöfe und Priester wurden über Nacht zu Krisenmanagern; Freiwillige packten rund um die Uhr mit an. So gelang es schnell, Musas Familie vorübergehend in einer Schule unterzubringen. Dort mussten sie sich mit 25 anderen Geflüchteten einen Raum teilen. „Es war heiß und eng. Nach ein paar Wochen konnten wir aber in eine kleine Wohnung umziehen“, erzählt Musa. Auch in der neuen Unterkunft lebte die achtköpfige Familie zusammen mit anderen Vertrieben. Es sollte für mehr als drei Jahre ihr Zuhause werden. Die Miete bezahlte, wie für tausende andere Flüchtlingsfamilien auch, das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“. Musa ist bis heute dafür dankbar: „Wir hatten ja nur noch das, was wir am Leib trugen. Wir hätten uns nie eine Wohnung leisten können.“ Denn der gelernte Automechaniker fand keine Arbeit. Den Lebensunterhalt verdiente Musas Frau. Sie ist Lehrerin für Aramäisch, der Sprache Jesu.

 

„Alles war gestohlen“

Nach über zwei Jahren kam endlich die erlösende Nachricht: Die Ninive-Ebene ist vom IS befreit. Doch eine Rückkehr erschien Musa und seiner Familie erst noch zu gefährlich, für den Neuanfang fehlten die Mittel. Erst im November 2017 wagte Musa mit seiner Familie die Rückkehr nach Karakosch. Der Wut über die Gräueltaten des IS wich der Trauer: „Ich war schockiert über so viel Zerstörung. Unser Haus stand zwar noch, aber es war leer – alles war gestohlen“, erzählt Musa mit Tränen in den Augen. Er weiß bis heute nicht, wer für die Plünderung verantwortlich ist – der IS oder die Nachbarn der mehrheitlich muslimischen Dörfer ringsum. „Was bringt es, darüber nachzugrübeln? Es ist passiert. Es zählt nur die Zukunft.“

Und diese Zukunft liegt für Musa in der Ninive-Ebene. An Auswanderung hat er nie gedacht. „So schwierig es auch ist: Wer hier über Jahrhunderte seine Wurzeln hat, wird immer wieder zurückkommen“, ist er überzeugt. Viel ist seit der Rückkehr geschehen: Musa hat mit Helfern Fenster und Türen am Haus erneuert, die Räume neu gestrichen. „Kirche in Not“ hat das möglich gemacht. Das Hilfswerk hat zusammen mit lokalen Kirchenvertretern einen „Marshall-Plan“ für den Wiederaufbau erstellt, finanziert Renovierungen, überwacht die Fortschritte. Und die sind sichtbar: Mitte Juli waren über ein Drittel der Gebäude renoviert und fast die Hälfte der Vertriebenen (44,63 Prozent) aus dem Nordirak heimgekehrt.

Zu Hause fühlen sich jetzt auch wieder Musa und die Seinen, vor allem seit es ihnen gelang, wieder ein paar Möbel aufzutreiben. „Ich bin den Wohltätern von Herzen dankbar. Ohne ihre Hilfe hätten wir nicht in unsere Heimat zurückkehren können“, sagt Musa.

 

„Ich habe sehr deutlich gespürt, dass Gott mit uns ist“

Seine Tochter Miray stimmt ihm zu. Sie ist 25 und arbeitet als Krankenschwester. Wegen des Krieges musste sie 2014 ihre Ausbildung in Mossul abbrechen. Die Stadt war zum Zentrum der Kämpfe gegen den IS geworden und ist heute schwer zerstört. Erst mit einiger Verspätung konnte Miray ihre Ausbildung in Erbil fortsetzen. Trotz aller Schwierigkeiten kann sie der Zeit dort einen Sinn abringen: „Ich konnte kranken Flüchtlingen helfen und habe so viele hilfsbereite Menschen kennengelernt. Das war eine gute Erfahrung für mich.“ Überhaupt: Die Menschen seien sich in den Jahren der Vertreibung nähergekommen. „Vorher ging es hier bei vielen Menschen nur um Materielles: mehr Häuser, mehr Geld. In der Zeit der Not haben sich die Menschen füreinander geöffnet“, meint Miray. „Sie haben erkannt, dass es im Leben um mehr geht.“

An die Christen im Ausland appelliert sie, den Menschen in der Ninive-Ebene nicht nur materiell, sondern auch geistlich beizustehen: „Wir brauchen ihre Gebete.“ Ihr eigener Glaube sei in den zurückliegenden Jahren zwar auf die Probe gestellt, aber letztlich gestärkt worden: „Ich habe sehr deutlich gespürt, dass Gott mit uns ist“, zeigt sich Miray überzeugt.

Die junge Frau würde gern studieren und Ärztin werden. Dazu wären allerdings im Ausland die Bedingungen besser. „Ich spare schon darauf“, erzählt Miray. Doch langfristig sehe sie ihre Zukunft im Irak, auch wenn ihr die aktuelle Sicherheitslage Sorgen macht: „Ich will auf jeden Fall zurück, um den Menschen in meiner Heimat zu dienen.“

Um den Wiederaufbau der christlichen Dörfer im Irak sowie die materielle und geistliche Hilfe der Bevölkerung weiterhin unterstützen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter: www.spendenhut.de oder auf folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT

LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02

BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Irak