Kardinal-Patriarch Rai fordert rasche Bildung einer Regierung im Libanon

Kritik an den Gruppierungen, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen und das Gemeinwohl vernachlässigen

0
520
Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 20.07.18 (poi) Der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, hat dringend die rasche Bildung einer Regierung für den Libanon eingefordert, wie die katholische Nachrichtenagentur „Fides“ meldet. Die Lage des Landes im allgemeinen und die wirtschaftliche Situation im besonderen machten eine Beschleunigung der Regierungsbildung unerlässlich. „Gott helfe dem Premierminister Saad Hariri, der alle zufriedenstellen muss“, erklärte der Patriarch in einem Interview. Die derzeitige Regierung gilt als eine Übergangsregierung mit vorübergehender Führung der laufenden Geschäfte; die am 24. Mai von Staatspräsident Michel Aoun an den Premierminister gerichtete Forderung, nach den Wahlen vom 8. Mai eine Regierung zu bilden, wurde bisher nicht umgesetzt.

Der maronitische Patriarch forderte die Parteien auf, den wirtschaftlichen Bedürfnissen des Landes Rechnung zu tragen und sie in Entwicklung umzuwandeln, „in Arbeit für die jungen Menschen, in Fortschritt und Produktion“. Kardinal Rai brachte seinen Unmut darüber zum Ausdruck, dass einflussreiche Gruppen ihre eigenen Interessen verfolgen und dabei das Gemeinwohl vernachlässigen. „Wir sehen, wie sie eine Regierungsbildung behindern, indem sie absolutes Desinteresse für die wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten des Volkes zeigen“, sagte der Kardinal-Patriarch. Es müsse die Bildung einer „echten Regierung“ erfolgen. Man müsse zur Verfassung zurückgehen, denn sie zu „verlassen“ bedeute, dass keine Lösung für die Krise gefunden wird, „die den Libanon auf allen Ebenen bedrängt“.

Kardinal Rai hatte vergangene Woche in seinem Sommersitz in Diman die Protagonisten der „Versöhnung“ vom 18. Jänner 2016 empfangen und die „Vereinbarung von Maarab“ zwischen der „Freien Patriotischen Bewegung“ von General Aoun und den „Forces Libanaises“ anerkannt. Bei dem dreistündigen Treffen rief der Patriarch die christlichen Parteien zur Zusammenarbeit zum Wohl des Volkes auf; eindringlich warnte er vor dem Abdriften in die „medial provozierte Polemik“. Auch bei dieser Gelegenheit betonte der maronitische Patriarch die Dringlichkeit einer raschen Regierungsbildung, ohne dass es zu künstlichen Verzögerungen komme, bei Achtung der Verfassung und Erhaltung der Arbeitsfähigkeit der öffentlichen Institutionen.

Die jüngsten Initiativen Kardinal Rais bestätigten die zentrale Bedeutung des maronitischen Patriarchats im Kräftespiel der libanesischen Politik.