Maronitischer Kardinal bedauert Vertrauensverlust des libanesischen Staates

Bei der jüngsten Konferenz der „Geber-Länder“ war vom libanesischen Staat keine Rede mehr - Kritik am langsamen Vorgehen der Justizbehörden im Hinblick auf die Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut am 4. August

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Foto: © Piotr Rymuza (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Beirut, 07.12.20 (poi) Der maronitische Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Rai hat in seiner Sonntagspredigt bedauert, dass die internationale Gemeinschaft den Libanon nicht mehr als Staat behandle, sondern als „ein Volk in Schwierigkeiten, dem man Hilfen geben muss“. Dabei bezog sich der Kardinal-Patriarch auf die jüngste Konferenz der „Geber-Länder“ unter dem Vorsitz von Frankreich und der Vereinten Nationen am 2. Dezember. Wörtlich stellte Rai fest: „Wo ist der Libanon der Prosperität und der Größe hingekommen? Wie traurig ist es, dass in der Schlusserklärung der Pariser Konferenz vom libanesischen Staat keine Rede mehr war und man sich nur mehr an das libanesische Volk gewandt hat“.

Zugleich übte der Kardinal-Patriarch Kritik am langsamen Vorgehen der Justizbehörden im Hinblick auf die Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut am 4. August. Je langsamer die Erhebungen vorangehen, umso mehr würde in der Bevölkerung der Verdacht zunehmen, dass es nicht mir rechten Dingen zugehe. Zu diesem Verdacht würden auch einige mysteriöse Todesfälle unter Spitzenpersönlichkeiten des libanesischen Sicherheitsapparats beitragen. Der Kardinal-Patriarch nannte in diesem Zusammenhang ausdrücklich den Fall des pensionierten Zollwache-Obersten Mounir Abourjeily, der vor wenigen Tagen tot in seinem Haus in Qartaba aufgefunden wurde. Der Kardinal-Patriarch beendete seine Abrechnung mit der libanesischen politischen Klasse mit dem Hinweis auf den „bedenklichen Rückstand“ bei der Bildung der neuen Regierung. „Was auch immer die Gründe für den Rückstand bei der Regierungsbildung sein mögen, wir verlangen vom Staatspräsidenten und vom beauftragten Premierminister, alle diese Gründe zu ignorieren, und außerhalb aller ‚Quoten‘ ein außergewöhnliches Hilfeteam zu bilden“. Die libanesische Innenpolitik ist durch den ständigen Kampf um „Ausgleich der Quoten“ zwischen den einzelnen politischen Gruppierungen blockiert.

Auch die maronitischen Bischöfe hatten bei ihrer Monatskonferenz am Patriarchatssitz in Bkerke die Bildung einer Regierung aus „Spezialisten und Reformern“ verlangt. Angesichts einer immer katastrophaleren Situation müssten die persönlichen Interessen zurückgestellt werden. Der Libanon sei von einer politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Krise betroffen. Nach Ansicht der maronitischen Bischöfe bedarf es der Bildung einer „Regierung der nationalen Rettung“, um das Vertrauen des Volkes und der internationalen Gemeinschaft wiederzufinden.

Die Bischöfe erneuerten ihren Appell an die politische Klasse im Hinblick auf die generelle Krise des Landes. Die Krisensituation sei durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie noch verschärft worden, mittlerweile seien 55 Prozent der Bevölkerung gezwungen, unter der Armutsschwelle zu leben. Die Zahl der Selbstmorde steige ständig.

Zugleich übten die maronitischen Bischöfe heftige Kritik an den „Verletzungen der Verfassung“ im Hinblick auf die konfessionelle Verteilung im politischen Bereich. Die Bischöfe bezogen sich dabei vor allem auf die Manöver der schiitischen Bewegungen „Hezbollah“ und „Amal“, die eine schiitische Persönlichkeit für die Schlüsselfunktion des Finanzministers durchdrücken möchten.