Papst: „Der Nahe Osten muss ein ‚Land des Friedens‘ werden“

Audienz für die Mitglieder der Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen – Würdigung der „Märtyrer der Gegenwart“ – 16. Vollversammlung der internationalen Kommission behandelte das Ehesakrament

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Foto: © Jordiferrer (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Vatikanstadt, 01.02.19 (poi) Der Nahe Osten müsse ein „Land des Friedens“ werden und dürfe nicht länger ein „Ort des Zusammenstosses“ sein: Dies betonte Papst Franziskus am Freitag bei einer Audienz für die Mitglieder der Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen. Zu den Mitgliedern dieser Kommission zählt auch der in Salzburg lehrende Ostkirchenexperte (und Vorsitzende der dortigen „Pro Oriente“-Sektion) Prof. Dietmar W. Winkler. Wörtlich sagte der Papst: „Der Krieg, ein Kind der Macht und des Elends, möge dem Frieden, dem Kind des Rechts und der Gerechtigkeit, weichen; unsere christlichen Brüder und Schwestern im Nahen Osten müssen als Vollbürger mit gleichen Rechten anerkannt werden“. Er versichere alle Christen des Nahen Ostens seiner Nähe und seines Gebets, damit diese Länder, die im Heilsplan Gottes besonders hervorgehoben sind, nach der „langen Nacht der Konflikte“ das „Morgenrot des Friedens“ sehen können. In besonderer Weise würdigte Papst Franziskus die „Zeugen der Einheit“ im Nahen Osten, das von den Märtyrern der Gegenwart vergossene Blut, die als „Mitglieder verschiedener Kirchen“ durch das „gemeinsame Leiden für den Namen Jesu“ geeint seien.

Die Arbeit der 16. Vollversammlung der internationalen katholisch-orientalisch-orthodoxen Kommission habe deutlich gezeigt, dass die verschiedenen theologischen Formeln einander nicht selten ergänzen statt sich zu widersprechen, sagte Papst Franziskus unter Bezugnahme auf die entsprechenden Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Ökumene-Erklärung „Unitatis redintegratio“. Er bitte und ermutige die Mitglieder der internationalen Kommission, dass ihre Überlegungen über die Sakramente hilfreich seien, um „den Weg zur vollen Gemeinschaft, zur gemeinsamen Feier der Heiligen Eucharistie, fortzusetzen“, unterstrich der Papst.

Papst Franziskus würdigte die Gespräche der 16. Vollversammlung über das Ehesakrament. Im ersten Buch des Alten Testaments werde betont, dass Gott den Menschen „nach seinem Bild“ als „Mann und Frau“ geschaffen habe. Der Mensch sei im Vollsinn dann Abbild Gottes, wenn er nicht allein ist, sondern in einer „stabilen Gemeinschaft der Liebe“ lebt. Er sei sicher, dass die Arbeit der Kommission „in einem Klima großer Einmütigkeit“ für die Familie der Kinder Gottes nützlich sein werde.

Eingangs hatte der Papst des im Vorjahr verstorbenen orientalisch-orthodoxen Ko-Präsidenten der internationalen Kommission, des koptisch-orthodoxen Metropoliten Anba Bishoi, gedacht und dessen Nachfolger als Ko-Präsidenten, Bischof Kyrillos, herzlich begrüßt. Von katholischer Seite ist Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Ko-Präsident der Kommission.

Die orientalisch-orthodoxen Kirchen gehören jener Kirchenfamilie an, die sich nach dem Konzil von Chalcedon im 5. Jahrhundert im Zug der Auseinandersetzung über die Christologie von der Kirche des Römischen Reiches getrennt hatten. Zu dieser Kirchenfamilie gehören die armenisch-apostolische Kirche, die syrisch-orthodoxe Kirche, die koptisch-orthodoxe Kirche, die äthiopisch-orthodoxe Kirche, die eritreisch-orthodoxe Kirche und die indisch-orthodoxe Kirche. Durch die Migrationsbewegung sind diese Kirchen heute nicht nur im Nahen Osten, sondern weltweit präsent. Sie führen außer mit der katholischen Kirche auch mit den byzantinisch-orthodoxen Kirchen und der anglikanischen Kirche einen ständigen Dialog. Für den Dialog mit der katholischen Kirche waren die von der Stiftung „Pro Oriente“ initiierten informellen Gespräche zwischen katholischen und orientalisch-orthodoxen Theologen ab 1971 von größter Bedeutung (sie führten u.a. zur „Wiener Christologischen Formel“, mit der theologische Missverständnisse aus 1.500 Jahren überwunden werden konnten).

 

Dialog der Wahrheit, der Liebe und des Lebens

Zum Auftakt der 16. Vollversammlung hatte der Dominikanerpater Hyacinthe Destivelle, der zuständige Referent im Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen, im „Osservatore Romano“ die Entwicklung des Dialogs zwischen katholischer Kirche und orientalisch-orthodoxen Kirchen nachgezeichnet. Durch diesen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil aufgenommenen Dialog  seien die katholische Kirche und die orientalisch-orthodoxe Kirchenfamilie heute einander näher denn je in der Geschichte. Dieser Dialog sei ein „Dialog der Wahrheit“, ein „Dialog der Liebe“ und ein „Dialog des Lebens“. Der offizielle theologische Dialog  beschäftige sich nach der Annahme eines Dokuments über die Natur der Kirche im Jahr 2009 und eines weiteren Dokuments über die „Communio“ im Leben der Kirche im Jahr 2015 seit 2018 mit den Sakramenten. Bei der 15. Vollversammlung in Etschmiadzin 2018 sei es um die Sakramente der Buße, der Krankensalbung und der Weihe gegangen. Dabei sei weitgehende theologische Übereinstimmung festgestellt worden, auch wenn es unterschiedliche Bräuche gebe.

  1. Destivelle erinnerte daran, dass es parallel zur internationalen Dialogkommission auch zwei Dialogvorgänge mit den orthodoxen Kirchen in Kerala gibt (der selbständigen indisch-orthodoxen Kirche und dem zum syrisch-orthodoxen Patriarchat von Antiochien gehörenden Katholikat). In diesen Dialogvorgängen wurde auch die durch die Migrationsbewegung vordringliche Frage der Mischehen behandelt.

Der „Dialog der Wahrheit“ sei aber nicht möglich ohne „gelebte Brüderlichkeit“ im Rahmen des „Dialogs der Liebe“, betonte P. Destivelle. In diesem Zusammenhang erwähnte der Dominikanerpater den Vatikan-Besuch der beiden armenisch-apostolischen Katholikoi Karekin II. und Aram I. am 5. April 2018 aus Anlass der Segnung der Statue des Heiligen Krikor von Narek in den vatikanischen Gärten. Der armenische Heilige war 2015 von Papst Franziskus zum Kirchenlehrer proklamiert worden, „ein klares Zeugnis für die gegenseitige Anerkennung der Heiligkeit und ein bevorzugter Weg zur Einheit“.  Karekin II. sei dann noch einmal am 24. Oktober aus Anlass seines Pastoralbesuchs in Italien mit dem Papst zusammengetroffen. Besondere Bedeutung habe auch das von Papst Franziskus einberufene Friedensgebet am 7. Juli 2018 in Bari gehabt, an dem auch der koptisch-orthodoxe Papst-Patriarch Tawadros II., der syrisch-orthodoxe Patriarch Mor Ignatius Aphrem II., und der armenisch-apostolische Katholikos von Kilikien, Aram I., teilnahmen.

Der „Dialog des Lebens“ gelte der gemeinsamen Sorge und der gemeinsamen Hoffnung „auf eine Zukunft des Friedens“ im Nahen Osten. Papst Franziskus habe auf dem Vorplatz der Nikolausbasilika in Bari Friedenstauben aufsteigen lassen.  P. Destivelle zitierte dazu Fr. Enzo Bianchi, den Gründer der Gemeinschaft von Bose: „Vielleicht ist vom Vorplatz dieser Basilika mit den Friedenstauben auch der brennende Wunsch nach der sichtbaren Einheit der Christen aufgestiegen. Vielleicht war die brüderliche Begegnung am runden Tisch prophetische Vorwegnahme des Tages, an dem an diesem Tisch die Gemeinschaft in Brot und Wein, an Leib und Blut des einzigen Herrn unserer Kirchen und unseres Lebens möglich ist“.