Papst schenkt Petrus-Reliquien an den Phanar

Außerordentliche ökumenische Geste zum Abschluss des Besuchs einer Delegation des Ökumenischen Patriarchats beim römischen Patronatsfest der Heiligen Petrus und Paulus – Erzbischof Job: „Ein Riesenschritt zur konkreten Einheit“ – Papst Franziskus bei der Begegnung mit der Delegation aus Konstantinopel: „Als Bischof von Rom möchte ich neuerlich betonen, dass für uns Katholiken die volle Gemeinschaft in den legitimen Formen der Verschiedenheit das Ziel des Dialogs ist, nicht aber die monotone Gleichmacherei und noch weniger die Eingliederung“

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Foto: © Dnalor 01 (Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz CC-BY-SA 3.0/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Austria)

Vatikanstadt-Konstantinopel, 30.06.19 (poi) Mit einer Geste von außerordentlicher ökumenischer Bedeutung klang am Samstag der traditionelle Besuch einer Delegation des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel beim römischen Patronatsfest der Heiligen Petrus und Paulus aus. Papst Franziskus überreichte dem Leiter der konstantinopolitanischen Delegation, Erzbischof Job (Getcha), im Apostolischen Palast ein Reliquiar mit Reliquien des Apostels Petrus. Seit vielen Jahrhunderten pilgerten Christen aus aller Welt nach Rom, um die Reliquien des Heiligen Petrus zu verehren. Nun wurden erstmals Reliquien des ersten Bischofs von Rom an den Bischof der Schwesterstadt am Bosporus übergeben. „Das ist für uns ein außergewöhnliches und unerwartetes Ereignis – damit konnte keiner rechnen“, sagte Erzbischof Job: „Das ist ein Riesenschritt hin zur konkreten Einheit“. Das Reliquiar wurde vom Vizesekretär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Msgr. Andrea Palmieri, nach Konstantinopel gebracht; am Sonntag, 30. Juni, verehrte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. die Petrus-Reliquien erstmals bei der Liturgie in der Zwölfapostel-Kirche im konstantinopolitanischen Stadtteil Feriköy. Nach der Liturgie sagte der Patriarch, der Papst habe eine „großartige, brüderliche und historische Geste“ gesetzt, „indem er uns Reliquien des Heiligen Petrus, des Gründers der Kirche von Rom, gegeben hat“.

Das Reliquiar hat eine besondere Geschichte. Pius XII. hatte 1939 grünes Licht für Ausgrabungen unter dem Petersdom gegeben; dabei wurde der Ort des Petrus-Grabes entdeckt, doch wurden zunächst keine Knochensplitter gefunden. Erst neue Grabungen ab 1952 förderten die mutmaßlichen Reliquien des Heiligen Petrus zutage. Paul VI. war von der Echtheit der Reliquien überzeugt, er kündigte im Juni 1968 bei einer Generalaudienz überraschend ihre Auffindung an. Das bronzene Reliquiar wurde 1971 geschaffen und befand sich seither in der Kapelle des damaligen Päpstlichen Appartments im Apostolischen Palast. Nur ein einziges Mal – bei der Messfeier zum Abschluss des „Jahres des Glaubens“ am 24. November 2013 – wurde das Reliquiar den Gläubigen gezeigt.

Den überraschenden Vorgang der Übergabe des Reliquiars am 29. Juni schilderte Erzbischof Job auf „Facebook“. Nach der Papstmesse im Petersdom aus Anlass des Apostelfestes sei er zum Petrus-Grab hinuntergestiegen, um dort mit Papst Franziskus zu beten. Der Papst habe ihm dann gesagt: „Warten Sie auf mich. Ich habe ein Geschenk für die Kirche von Konstantinopel. Letzte Nacht ist mir der Gedanke im Gebet gekommen“. Der orthodoxe Erzbischof fuhr mit dem Papst in dessen schlichtem „Ford“ zum Apostolischen Palast; dort führte ihn Papst Franziskus in die Kapelle des früheren Päpstlichen Appartments und sagte ihm: „Papst Paul VI. hat diese Kapelle eingerichtet. Er brachte einige Petrus-Reliquien hierher. Ich lebe nicht hier, ich benütze die Kapelle nicht. Im Gebet habe ich mir letzte Nacht gedacht: Diese heiligen Reliquien wären besser in Konstantinopel, im Phanar…Das ist nicht ein Geschenk von mir, sondern ein Geschenk von Gott“. Und so seien erstmals in der Geschichte Reliquien des Heiligen Petrus aus dem Alten Rom in das Neue Rom (Konstantinopel) transferiert worden, schloss Erzbischof Job seinen Bericht.

Die Begegnung zwischen Papst Franziskus und der Delegation aus Konstantinopel am 28. Juni war vom „entschiedenen Verlangen nach Wiederherstellung der Einheit der Kirchen“ gekennzeichnet. Papst Franziskus sagte bei der Privataudienz wörtlich: „Als Bischof von Rom möchte ich neuerlich betonen, dass für uns Katholiken die volle Gemeinschaft in den legitimen Formen der Verschiedenheit das Ziel des Dialogs ist, nicht aber die monotone Gleichmacherei und noch weniger die Eingliederung“. Es gehe darum, sich der gemeinsamen Wurzeln bewusst zu sein, voneinander zu lernen und einander zu helfen, den Dialog und die konkrete Zusammenarbeit nicht zu fürchten. Der „Skandal der Spaltung“ könne nur durch die Gnade Gottes überwunden werden, indem man die Schritte des anderen im Gebet begleite, das Evangelium in Harmonie verkünde, den Notleidenden helfe und einen Dialog in der Wahrheit führe, ohne sich von früheren Vorurteilen bestimmen zu lassen. Es werde sich die Erfahrung einstellen, dass es trotz aller Unterschiede viel mehr gibt, was die Christen vereint als was sie trennt.

Papst Franziskus würdigte die positiven Erfahrungen seiner jüngsten Pastoralreisen nach Bulgarien und Rumänien; es sei eine große Freude für ihn gewesen, mit den Patriarchen Neofit und Daniel und deren Heiligen Synoden zusammenzutreffen. Er habe den Glauben und die Weisheit dieser Hirten bewundert. Bei diesen Gelegenheiten – „wie auch bei den Begegnungen mit meinem Bruder Bartholomaios“ – habe er den spirituellen Reichtum der Orthodoxie schätzen gelernt. Wörtlich fügte der Papst hinzu: „Ich bin zunehmend überzeugt, dass die volle Einheit zwischen Katholiken und Orthodoxen durch den Respekt vor spezifischen Identitäten und das harmonische Miteinander in legitimen Formen der Verschiedenheit herbeigeführt werden wird“. Der Heilige Geist erwecke immer wieder eine Vielfalt von Gaben, harmonisiere sie und stelle authentische Einheit her, „die nicht Uniformität ist, sondern eine Symphonie vieler Stimmen in Liebe“.

 

Der „grüne Patriarch“ als Vorbild

In besonderer Weise hob der Papst das Eintreten von Bartholomaios I. für die Bewahrung der Schöpfung hervor. Es bedeute „Treue zum Evangelium“, auf die neuen Herausforderungen der Gegenwart zu antworten. Wie der Papst betonte, sei der Einsatz des – oft als „grüner Patriarch“ bezeichneten – Ökumenischen Patriarchen auch für ihn eine Quelle der Inspiration gewesen. Angesichts der alarmierenden ökologischen Krise sei der „Einsatz für das gemeinsame Haus“ nicht nur eine dringende Notwendigkeit, sondern auch ein „konkreter Weg, um dem Nachbarn im Geist des Evangeliums zu dienen“. Als „positives Zeichen“ nannte Papst Franziskus auch die Zusammenarbeit zwischen der katholischen Kirche und dem Ökumenischen Patriarchat etwa im Kampf gegen moderne Formen der Sklaverei, beim Einsatz für die Aufnahme und Integration von Migranten, Vertriebenen und Flüchtlingen sowie bei der Förderung des Friedens auf unterschiedlichen Ebenen.

Erzbischof Job – der auch Ko-Vorsitzender der offiziellen Dialogkommission zwischen katholischer und orthodoxer Kirche und Repräsentant des Ökumenischen Patriarchats beim Weltkirchenrat ist – hatte zuvor das Schreiben von Bartholomaios I. an den Bischof von Rom verlesen. Die Feier der beiden großen Apostel Petrus und Paulus sei eine Versammlung, die die Schwesterkirchen zur Umarmung in Liebe einlade. Wörtlich fügte der Ökumenische Patriarch hinzu: „Unglücklicherweise wird das Licht dieses Tages auf Grund verschiedener Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Geschichte durch die Tatsache verdunkelt, dass unsere Schwesterkirchen am gemeinsamen Kelch der eucharistischen Versammlung nicht Anteil haben können. Trotzdem bleibt die Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen unseren Kirchen unsere aufrichtige Hoffnung, der wichtigste Inhalt unserer Gebete und das Ziel des Dialogs in Wahrheit, der zwischen unseren Kirchen besteht“.

 

Synodalität und Primat

Die eucharistische Gemeinschaft setze Fortschritte auf dem gemeinsamen Weg voraus, unterstrich der Ökumenische Patriarch. Das gemeinsame – „synodale“ – Gehen sei ein anderes Bild oder eine andere Definition für die Kirche. Synodalität erwachse aus den Tiefen des Mysteriums der Kirche. Es gehe dabei nicht um eine kirchenrechtliche Tradition, sondern um eine fundamentale theologische und ekklesiologische Wahrheit. Ohne Synodalität werde die Einheit der Kirche durchtrennt, die Heiligkeit ihrer Glieder werde auf individuelle Moralität reduziert, die Katholizität werde zugunsten besonderer individueller, kollektiver, nationaler und anderer säkularer Interessen geopfert. Die apostolische Botschaft werde der Raub verschiedener Häresien.

Papst Franziskus habe bei verschiedenen Gelegenheiten daran erinnert, dass der Weg der Synodalität der Weg der Kirche ím dritten Jahrtausend sein müsse, stellte Bartholomaios I. fest. Aber das Ravenna-Dokument der offiziellen Dialogkommission zwischen katholischer und orthodoxer Kirche habe auch darauf verwiesen, dass Synodalität und Primat wechselseitig voneinander abhängig sind. Die Synodalität müsse im Kontext des Primats gesehen werden und der Primat im Kontext der Synodalität.

Angesichts der Troubles in der Welt und in den Kirchen sei die Reflexion über Primat und Synodalität von außerordentlicher Bedeutung nicht für die Wiederherstellung der Einheit „unserer Schwesterkirchen“, sondern auch für die Stabilität der Kirchen. Abschließend brachte der Ökumenische Patriarch seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die „internen Probleme“ in beiden Kirchen den Fortschritt im Aufeinanderzugehen „weder behindern noch stoppen“ werden.

Erzbischof Job war mit seiner Delegation am 27. Juni in Rom eingetroffen. Am 28. Juni fand zunächst eine ausführliche Begegnung mit dem Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen und dessen Präsidenten, Kardinal Kurt Koch, statt. Dabei wurden laufende Fragen in beiden Kirchen, aber auch die nächsten Schritte der offiziellen Dialogkommission zwischen katholischer und orthodoxer Kirche diskutiert. Das nächste Treffen des Koordinationskomitee der Dialogkommission wird im November wieder in der Gemeinschaft von Bose in der Region Piemont stattfinden. Dabei wird es darum gehen, den Entwurf „Primat und Synodalität im zweiten Jahrtausend und heute“ zu finalisieren, sodass er einer nächsten Vollversammlung der internationalen Dialogkommission vorgelegt werden kann. Allerdings ist offen, wie sich der Beschluss des Heiligen Synods des Moskauer Patriarchats auswirken wird, wegen der Ukraine-Krise allen Kommissionen fernzubleiben, in denen ein Vertreter des Ökumenischen Patriarchats den Vorsitz oder den stellvertretenden Vorsitz innehat.