Weltweite Aufregung über Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee

Am 24. Juli soll in dem Gotteshaus wieder das islamische liturgische Freitagsgebet zelebriert

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Foto: © Dean Strelau (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Konstantinopel, 11.07.20 (poi) Weltweit herrscht Aufregung über die am Freitag veröffentliche schriftliche Fassung der Erkenntnis des türkischen Verwaltungsgerichtshofs (Danistay) und die nachfolgende Erklärung von Präsident Erdogan, wonach die Hagia Sophia nicht mehr Museum, sondern wieder Moschee ist. Bereits seit 2004 hatte eine nationalistische Vereinigung für Denkmalschutz versucht, die Hagia Sophia wieder als islamisches Gotteshaus zu nutzen, war aber wiederholt gescheitert. Staatspräsident Recep T. Erdogan forcierte zuletzt vehement eine Umwidmung und bezeichnete den von Republikgründer Mustafa Kemal „Atatürk“ 1934 getroffenen Beschluss für den Museumsstatus als „großen Fehler“. Noch am Freitag sprach sich der stellvertretende Vorsitzende der EU-Kommission, Margaritis Schinas, gegen die Pläne Erdogans aus. Der aktuelle Status der Hagia Sophia müsse beibehalten werden, sagte er im Europaparlament in Brüssel. Die Hagia Sophia sei ein Symbol des glaubensübergreifenden und interkulturellen Dialogs, betonte Schinas. Noch vor Veröffentlichung des Gerichtsentscheids forderte auch die UNESCO die Türkei wegen der möglichen Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee zu Gesprächen auf.

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat sich mehrmals deutlich gegen jede Statusveränderung der Hagia Sophia ausgesprochen. Die Hagia Sophia sei eines der bedeutendsten Baudenkmäler der menschlichen Zivilisation und gehöre nicht bloß ihren unmittelbaren Eignern, sondern „der ganzen Menschheit“, sagte der Patriarch bei einem Gottesdienst in Istanbul. Das türkische Volk trage die Verantwortung, diese Universalität hervorzuheben, fügte der Patriarch hinzu. Als Museum könne die Hagia Sophia als „Ort und Symbol der Begegnung, des Dialogs und des friedlichen Zusammenlebens der Völker und Kulturen, des gegenseitigen Verständnisses und der Solidarität zwischen Christentum und Islam“ fungieren, betonte Bartholomaios I. Eine Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee hingegen würde „unzählige Christen in aller Welt enttäuschen“ und zu Brüchen führen. Dies genau in einer Zeit, fügte der Patriarch hinzu, „in der die geplagte und leidende Menschheit aufgrund der tödlichen Pandemie des neuen Coronavirus Einheit und gemeinsame Orientierung braucht“.

Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei hatte den Weg zur Nutzung der Hagia Sophia in Istanbul als Moschee freigemacht. Wie die staatliche Nachrichtenagentur „Anadolu“ am Freitagnachmittag meldete, annullierten die Richter des Staatsrats („Danistay“) den seit den 1930er-Jahren bestehenden Status eines Museums für das Gotteshaus aus dem 6. Jahrhundert. Die Hagia Sophia, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, könne wieder für religiöse Zeremonien genutzt werden, hieß es in der Gerichtsentscheidung.

Seit 2004 hatte eine nationalistische Vereinigung für Denkmalschutz versucht, die Nutzung der Hagia Sophia als islamisches Gotteshaus wieder durchzusetzen, war aber wiederholt gescheitert. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan forcierte zuletzt vehement eine Umwidmung und bezeichnete den von Mustafa Kemal „Atatürk“ 1934 getroffenen Beschluss für den Museumsstatus als „großen Fehler“. Noch vor Veröffentlichung des Gerichtsentscheids forderte auch die UNESCO die Türkei wegen der möglichen Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee zu Gesprächen auf. Jegliche Änderung müsse vorher mitgeteilt und gegebenenfalls überprüft werden, hieß es laut Agenturberichten in einer Mitteilung der UN-Organisation vom Freitag.

Laut Präsident Recep T. Erdogan wird die im Jahr 537 unter dem römischen Kaiser Justinian I. geweihte Hagia Sophia in Zukunft dem türkischen staatlichen Religionsamt „Diyanet“ unterstehen, das alle Moscheen in der Türkei verwaltet. In der italienischen katholischen Tageszeitung „Avvenire“ wurde darauf verwiesen, dass die Vorgangsweise Erdogans an ähnliche „vulgär-demokratische“ Initiativen der Instrumentalisierung religiöser Symbole nicht nur im islamischen, sondern auch im christlichen und jüdischen Bereich erinnere. Gegen solche Initiativen bedürfe es „äußerster Strenge“.

Am 24. Juli soll in der Hagia Sophia erstmals wieder das liturgische islamische Freitagsgebet zelebriert werden. Präsident Erdogan kündigte das in einer TV-Botschaft an das Volk, wenige Stunden nach der Veröffentlichung des verschriftlichen Bescheids des Verwaltungsgerichtsgerichtshofs an. Der türkische Präsident versicherte, dass selbstverständlich in Zukunft auch alle Christen das Gotteshaus besuchen könnten, und zwar ohne – wie bisher – Eintritt bezahlen zu müssen. In seiner TV-Botschaft wurde der Aspekt der „Besitzergreifung“ der Hagia Sophia durch die Ereignisse von 1453 stark hervorgehoben.

Mit Spannung wird erwartet, wie am 24. Juli der islamische Gottesdienst in der Hagia Sophia vor sich gehen wird – unter dem großartigen Mosaik der Gottesmutter „Platitera“, die mit Jesus auf den Knien die ganze Welt umarmt (beide werden im Koran verehrt).

 

„Ein geschlossenes Kapitel“

Das georgisch-orthodoxe Patriarchat hat die beabsichtigte Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee verurteilt. Das Patriarchat beobachte die Diskussion um den Status der Hagia Sophia aufmerksam. Wörtlich heißt es in einer Erklärung des Patriarchats: „In einem Augenblick, in dem die Menschheit viele globale Herausforderungen zu bestehen hat, ist es sehr wichtig, die guten Beziehungen zwischen Christen und Muslimen zu stärken“. Die georgisch-orthodoxe Kirche respektiere die Souveränität der Türkei und hoffe, dass die Stellungnahme des Patriarchats nicht als Einmischung in innere Angelegenheiten missverstanden werde. Vielmehr gehe es um einen „Ausdruck der Sorge einer der ältesten orthodoxen Kirchen“. Es wäre ein „weiser Schritt“, die Hagia Sophia als „neutralen Raum“ zu bewahren.

Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Zypern, Erzbischof Chrysostomos, äußerte sich ebenfalls zurückhaltend. Nach einem Treffen mit dem Vorsitzenden der zypriotischen „Demokratischen Partei“; Nikolaos Papadopoulos, sagte der Erzbischof, man müsse Patriarch Bartholomaios I. aus der Diskussion um die Hagia Sophia heraushalten, weil „jeder Atemzug des Patriarchen die Türken aufregt“. Persönlich unterstütze er die Unterschriftensammlung von Papadopoulos für die Hagia Sophia, aber man müsse den Phanar nicht in die Sache hineinziehen.
Erzbischof Anastasios, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Albanien, bezeichnete die jüngsten Vorgänge um die Hagia Sophia als „jämmerlichen Akt“, der darauf abzielt, „unsere größten Hoffnungen auf friedliche Koexistenz von Religionen und Kulturen zu unterminieren“. Die Entscheidung von Präsident Erdogan führe in düstere Zeiten zurück. Ein Land wie die Türkei, das an der vordersten Front sein wolle, erweise sich damit als „kulturelle Nachhut“, die zu spät kommt. Es sei eine „Sünde und ein Fehler“, das Feuer mit „religiösem Öl“ anzuheizen. Aufgabe der Religion sei es vielmehr, Wunden zu lindern und die Seelen der Menschen zu beruhigen.
Erzbischof Elpidophoros (Lambriniadis) von Amerika sagte, die Entscheidung Erdogans über die Hagia Sophia widerspreche der säkularen Vision Atatürks. Der Gründer der republikanischen Türkei habe verstanden, dass die Hagia Sophia dem „ganzen türkischen Volk und der ganzen Welt“ dienen sollte. „Die Tage der Eroberung sollten ein geschlossenes Kapitel für unser kollektives Bewusstsein sein“, sagte der Erzbischof im Hinblick auf die osmanische Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453. Die türkische Regierung sollte die Weisheit aufbringen, die Hagia Sophia als „Monument aller Kulturen und der universalen Werte“ zu erhalten.