„Worte des Papstes ein Trost für alle Armenier“

Armenisch-katholischer Erzbischof Raphael Minassian appelliert an die Europäische Union – „Das ganze Land ist blockiert“

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Foto: © Furfur (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Jerewan, 29.09.20 (poi) Der Friedensappell von Papst Franziskus für die Kaukasus-Region am Sonntag  sei „für alle Armenier“ ein großer Trost gewesen, „diese Worte waren ein Zeichen, dass uns Papst Franziskus nicht vergessen hat“. Dies betonte der armenisch-katholische Erzbischof Raphael Francois Minassian (der für die katholischen Armenier im östlichen Europa zuständig ist) im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR. Die Worte des Papstes hätten eine Welle der Sympathie für ihn ausgelöst. Leider gebe es bisher keine „positive Reaktion“ im Hinblick auf eine Wiederaufnahme des Dialogs zwischen Armeniern und Azerbaidschanern, es gebe weiterhin Angriffe an der Grenze und keinen Waffenstillstand.

Im SIR-Bericht wird darauf verwiesen, dass der erste Angriff der azerbaidschanischen Streitkräfte bereits am 12. Juli erfolgt ist. Zunächst hätten sich die Angriffe nur an der Grenze zwischen Azerbaidschan und Artsach (Berg-Karabach) ereignet, mittlerweile werde aber auch die Republik Armenien angegriffen. Einige kleine Dörfer seien von den azerbaidschanischen Truppen mit schwerer Artillerie beschossen worden.

„Das ganze Land ist blockiert“, berichtete Erzbischof Minassian im Gespräch mit SIR: „Die Spannungen erzeugen ein Klima verbreiteter Angst. Wir sind an den Konflikt um Artsach gewöhnt. Aber jetzt breitet sich die Spannung auch auf die Grenzregion zwischen Armenien und Azerbaidschan aus“. Vor einigen Tagen habe Baku sogar mit einem Raketenangriff auf das armenische Atomkraftwerk Metsamor gedroht. Minassian: „Es gibt eine kriegerische Atmosphäre mit ständigen neuen Drohungen, zuletzt mit der Drohung eines Angriffs auf Metsamor, das nur 30 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt ist. Ein Angriff auf Metsamor wäre eine Katastrophe nicht nur für Armenien, sondern auch für die Türkei“. Völlig unverständlich ist für den Erzbischof die gleichgültige Haltung der internationalen Gemeinschaft im Hinblick auf den Konflikt: „Armenien ist ein vergessenes Land. Unser Land ist zu 99 Prozent christlich. Man kann von einer wahren Verfolgung gegen ein christliches Volk sprechen“.

Erzbischof Minassian plädiert für „Frieden und Zusammenleben“. Er appellierte in dem SIR-Interview an Europa, „damit es Armenien nicht vergisst, die Menschen, die dort leiden. Im Kaukasus ist das Christentum ständig in Gefahr“. Eine Intervention der Europäischen Union, eine Hilfe der europäischen Länder, um eine Lösung zu finden, wäre „ein wichtiger Schritt, ein Akt der Nächstenliebe gegenüber dem armenischen Volk“. „Wir haben keine Angst“, betonte der Erzbischof: „Wir sind überzeugt, dass Christus uns beauftragt hat, in dieser Region für seine Präsenz Zeugnis zu geben“. Die Worte des Papstes seien wichtig für einen „sofortigen Waffenstillstand“ und den „Aufbau eines wahren Friedens“.

 

In Stepanakert alle im Luftschutzkeller

In der Hauptstadt von Artsach, Stepanakert, verbringen die Menschen seit Sonntag die Nächte in den Luftschutzkellern. Im Raum Vartenis kam es zu azerbaidschanischen Versuchen, auf das Territorium von Artsach vorzudringen. Ein Kleinbus mit Zivilisten wurde von azerbaidschanischen Geschossen getroffen. Es wurden auch Schulen und Krankenhäuser von der Luftwaffe Bakus bombardiert.

Ministerpräsident Nikol Pashinian erklärte am Montag: „Wir werden nicht zulassen, dass die Türkei noch einmal – wie zwischen 1915 und 1923 – einen Völkermord an den Armeniern begeht“. Der armenische Regierungschef führte ein längeres Telefongespräch mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, wobei er darauf drang, die Türkei zu isolieren, um eine Ausbreitung und Internationalisierung des Konflikts zu verhindern. Mittlerweile haben  Pakistan und Afghanistan erklärt, sie würden Azerbaidschan gegen die „armenische Aggression“ unterstützen.

Bereits unmittelbar nach Beginn der Feindseligkeiten am Sonntagmorgen hatte es einen telefonischen Kontakt zwischen Pashinian und dem armenisch-apostolischen Katholikos-Patriarchen Karekin II. gegeben, der sich zu diesem Zeitpunkt noch in Italien aufhielt. Karekin II. betonte bei diesem Gespräch mit dem Regierungschef die Notwendigkeit einer Mobilisierung der weltweiten armenischen Diaspora.