Zulehner: Auf Papst Franziskus schauen

Der Wiener Pastoraltheologe hielt beim 30. Colloquium Europäischer Pfarrgemeinden, das bis 1. August in Lemberg stattfindet, den ersten Hauptvortrag – Ringen um ein gemeinsames Glaubenszeugnis in einem Europa, in dem es für die Christen nicht leicht ist

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Foto: © Thaler Tamas (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Kiew, 29.07.19 (poi)  Der Wiener Pastoraltheologe em. Prof. Paul Zulehner hat am Montag beim 30. Colloquium Europäischer Pfarrgemeinden (CEP) in der ukrainischen Metropole Lemberg (Lwiw)  den ersten Hauptvortrag gehalten. Sein Thema: „Papst Franziskus – Wer ist er und was ist seine Vision?“ Prof. Zulehner hat gemeinsam mit seinem Prager Kollegen Prof. Tomas Halik – dankbar für den „frischen Wind“, den der Papst vom „anderen Ende der Welt“ in die römisch-katholische Weltkirche gebracht hat – die Initiative „Pro Pope Francis“ gestartet, an der sich 75.000 Personen aus aller Welt beteiligten. Und erst vor wenigen Wochen hat der Wiener Pastoraltheologe unter dem Titel „Naht das Ende des Priestermangels?“ ein Buch über ein Lösungsmodell für die Überwindung des „eucharistischen Hungers“ herausgebracht, das auch von Papst Franziskus schon zitiert worden ist: Die Gewinnung von Priestern neuer Art in lebensfähigen Gemeinden. Prof. Zulehner ist durch seine Aktionen zur Förderung von Theologiestudierenden aus mittelost- und osteuropäischen Ländern auch mit Lemberg besonders verbunden.

Das 30. Colloquium Europäischer Pfarrgemeinden steht unter dem Gesamttitel: „Wer wird uns helfen, Christ zu sein im Europa von heute? Kann Verschiedenheit uns einen?“ An dem Colloquium, das am Wochenende vom griechisch-katholischen Erzbischof von Lemberg, Ihor Wosnjak, und dem CEP-Präsidenten, Pfarrer Antonio Cassar aus Malta, eröffnet wurde, nehmen Repräsentanten aus allen europäischen Ländern – Priester und Laien – teil. Das Colloquium im Lemberger Heiligengeist-Seminar ist bis 1. August angesetzt.

Der Vorsitzende der ukrainischen CEP-Sektion, Pfarrer Mychailo Dymyd, stellte in der Einladung zum 30. Colloquium Europäischer Pfarrgemeinden fest: „Für die Christen in Europa ist heute das Leben schwierig. Daher wählten wir als Hauptthema: ‚Wer wird uns helfen, Christ zu sein im Europa von heute?‘ Wir sind keine Theoretiker. Wir haben ein Beispiel zu geben und eine Mission zu erfüllen. Also müssen wir anfangen mit einem zeitgemäßen Glaubenszeugnis“.

Für die Katholiken „ist Papst Franziskus der Mensch, den Gott uns für Heute gegeben hat“, betonte Dymyd: „Der Papst ermutigt uns dazu, keine Angst vor dem Dialog mit den anderen zu haben. Und selbst praktizierende Christen zu sein, Zeugen Jesu. Damit haben wir Probleme in unserer Kirche – weil viele Christen die Haltung des älteren Bruders im Gleichnis vom Barmherzigen Vater haben. Sie sind Mitglieder der Kirche, aber sie hindern beim Beitritt anderer Menschen, die nicht so sind wie sie“. Die Christen müssten den Mut finden, aus ihrem „Schneckenhaus“ herauszukommen und auf andere zuzugehen, „in dem wir einfach als Christen leben“.

Am Dienstag hält Prof. Halyna Tesljuk den Hauptvortrag unter dem Titel „Das Gleichnis vom Barmherzigen Vater“, am Mittwoch ist Pfarrer Dymyd an der Reihe. Um möglichst viele Erfahrungen aus unterschiedlichem geographischen oder kulturellem Hintergrund zu teilen, spielt Gruppenarbeit bei der Tagung in Lemberg eine zentrale Rolle.

Die Teilnehmenden sollen auch Gelegenheit haben, die spirituelle und kulturelle Tradition der galizischen Metropole und ihrer Umgebung intensiv mitzuerleben. Schon am Sonntag hatten die CEP-Delegierten aus allen Teilen Europas im Kloster Uniw die Möglichkeit, die ukrainische griechisch-katholische Kirche, Land und Leute kennen zu lernen. Ein Workshop am Montagabend galt den ukrainischen Glas-Ikonen. Am Dienstagabend werden Pfarrgemeinden in der Stadt und im Umland besucht. Am Mittwochabend gibt es ein „Fest der Nationen“, bei der Lieder und Tänze aus den Herkunftsländern der Teilnehmenden präsentiert werden. Und zum Abschluss werden die CEP-Delegierten mit dem Kulturprogramm am 1. August mit der Stadt Schowkwa – im 17. Jahrhundert Residenz von König Jan III. Sobieski – und mit dem großen Basilianerkloser in Krekhiw (einem Ausgangspunkt der monastischen Renaissance in der Ukraine) bekannt gemacht.

Das „Colloquium Europäischer Pfarrgemeinden“ ist 1959 aus einer Initiative des Pariser Pfarrers Francis Connan entstanden und stand unter der Patronanz von Kardinal Franz König. Beim ersten Treffen 1961 in Lausanne waren Priester aus sieben Nationen anwesend – aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Schweiz und Spanien. Sie stellten damals fest: „Da unsere menschlichen wie pastoralen Probleme in Europa, das sich allmählich als Gemeinschaft organisiert, ähnlich sind, wird die Unsinnigkeit eines getrennten und national isolierten Vorgehens in der Pastoral immer deutlicher“. So beschlossen sie, einander alle zwei Jahre in einem anderen Land zu treffen, um Erfahrungen auszutauschen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Seit 1973 kamen auch Laien zum Colloquium, nun sind bereits mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden nicht geweiht. Alle zwei Jahre nehmen zirka 200 Frauen und Männer (aus unterschiedlichen Ländern), die in ihren Heimatpfarren engagiert und an der Zukunft Europas interessiert sind, am Colloquium teil. Seit 1978 ist das CEP beim Europarat als nichtstaatliche Organisation mit Berater-Status registriert. Ökumenische Kontakte zu anderen christlichen Konfessionen werden gefördert und ausgebaut.

Bereits jetzt steht fest, dass das nächste Colloquium Europäischer Pfarrgemeinden 2021 in Rumänien stattfinden wird.