„Die Krise in Syrien ist noch nicht am Ende“

Appell des Franziskanerpaters Ibrahim al-Sabagh für die Kinder von Aleppo: „Viele von ihnen haben nichts anderes als Krieg erlebt“

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© KIRCHE IN NOT

Damaskus, 03.04.19 (poi) „Die Krise in Syrien ist noch nicht am Ende, sie hat eher erst angefangen“: Dies betont P. Ibrahim al-Sabagh, Pfarrer der St. Franziskus-Gemeinde in Aleppo, in einem Interview mit dem Informationsdienst der „Associazione pro Terra Sancta“. „Auch wenn in Aleppo keine Geschosse mehr niedergehen, geht die Emigrationsbewegung weiter“, sagte der Franziskanerpater. Hauptgrund dafür sei – „stärker als die schrecklichen Umstände, unter denen das Land lebt“ – das Gefühl der Unsicherheit. Von Unsicherheit und Angst seien vor allem die Jugendlichen betroffen. Ganze Generationen vor allem von Burschen seien aus Syrien geflohen, „auf einen Burschen kommen heute zwölf Mädchen“. Die Zahl der Eheschließungen sei drastisch gesunken, auch wer heiraten möchte, könne es nicht tun, weil er unter der Armutsschwelle lebe, keine Wohnung habe und keinen Arbeitsplatz finde. Vor allem dürfe man nicht vergessen, dass es in Syrien vier Millionen Kinder unter zehn Jahren gebe, die „nichts anderes als Krieg erlebt haben“. Allein in Aleppo gebe es 2.000 Kinder, die ohne Vater und Mutter verlassen zwischen den Ruinen leben und von der Gemeinschaft links liegen gelassen werden, weil sie als „Kinder der Sünde“ gelten. Wörtlich sagte P. al-Sabagh: „Sie sprechen nicht, sie lachen nicht, sie spielen nicht, sie leiden an kindlicher Depression, sind in der Schule zerstreut, in sich verschlossen in einer immer von Gewalt und Terror verzerrten Realität“. In einem Alltag, in dem auch die Beziehungen zwischen den Erwachsenen von Unsicherheit gekennzeichnet sind, würden diese Kinder leiden, Selbstmordtendenzen entwickeln und zur Gewalt neigen. Was man brauchen würde, seien Psychologen und Psychotherapeuten für Kinder und Erwachsene, aber in dem kriegszerstörten Land gebe es viel zu wenige.

  1. al-Sabagh bittet um Hilfe für das Hilfswerk der Franziskaner in Aleppo. Hier geht es vor allem um die Verteilung von Nahrungsmittelpaketen, Medikamenten, Alltagsgütern, um den Wiederaufbau von Wohnungen und die Unterstützung des „Franciscan Care Centre“, wo 250 traumatisierte Kinder psychologisch betreut werden, lernen und spielen können.

„Jugend Eine Welt“ unterstützt Don Bosco-Schwestern

Aus Österreich unterstützt u.a. „Jugend Eine Welt“ die Don Bosco-Schwestern in Aleppo. Die Schwestern hatten in der nordsyrischen Metropole einen Kindergarten und eine Schule betrieben. 2015, als der Druck der islamistischen Milizen immer größer wurde, mussten sie die Gefahrenzone verlassen. Mit großer Sorge verfolgten sie aus der Entfernung  die Geschehnisse rund um die heiß umkämpfte Stadt und beteten für die Menschen, die ausharren mussten. Kaum hatten sich die Kämpfe gelegt und die Regierungstruppen wieder die Kontrolle erlangt, kehrten die Schwestern nach Aleppo zurück. Sie konnten ihren Augen kaum trauen, als sie ihr altes Gebäude betraten. In einer Stadt, in der praktisch jedes Haus beschädigt war, stand der Kindergarten beinahe unberührt.

Daher sind die Schwestern frohen Mutes, die ersten Kinder besuchen bereits den notdürftig renovierten Kindergarten. Sie finden hier endlich einen Ort der Geborgenheit, Zeit zum Spielen und Erholen. Dennoch fehlt es an allen Ecken und Enden. Fenster und Türen müssen erneuert werden, die sie wurden durch Bombendetonationen zerstört. Die Räume sind auszumalen und neu einzurichten, der Hof gehört dringend saniert. „Jugend Eine Welt“ unterstützt die Schwestern nach Kräften, damit Kinder, „die nie etwas anderes als den Krieg gesehen haben, endlich auch Kind sein können“. In der jüngsten Ausgabe der Mitteilungen des Vereins wird Sr. Anna Maria Scarzello zitiert, die von ihrem Besuch in Aleppo berichtet: „Alle Familien hier brauchen Hilfe. Die allerwenigsten werden für den Kindergarten etwas bezahlen können, auch deshalb, weil es in Aleppo viele große Fabriken gegeben hat, die jetzt alle zerstört sind. Viele haben die Stadt verlassen, aber ebenso sind etliche Familien in ihrem Zuhause geblieben. Sie leben jetzt in tiefster Armut. Sie müssen wieder von Null anfangen. Und die Kinder brauchen einen Betreuungsplatz und einen Ort, an dem sie sich geborgen und sicher fühlen“. (Infos: www.jugendeinewelt.at/aleppo, Kto. Nr. AT 66 3600 0000 0002 4000).

Gedenken an P. Hans Van der Lugt

Am 7. April jährt sich die Entführung und Ermordung des in Homs tätigen Jesuiten P. Frans Van der Lugt zum fünften Mal. Um das Andenken des mit 75 Jahren ermordeten Ordensmannes zu ehren, haben die niederländischen Jesuiten in neun Sprachen (darunter auch auf arabisch) einen Animationsfilm produziert. Der am 10. April 1938 geborene Van der Lugt trat 1959 in die Gesellschaft Jesu ein, 1971 wurde er zum Priester geweiht. 1966 kam er nach Syrien, nachdem er zuvor zwei Jahre im Libanon die arabische Sprache studiert hatte. In den nahezu 50 Jahren seiner Tätigkeit in Syrien war P. Van der Lugt ständig bemüht, auf lokaler Ebene für das Miteinander von Christen und Muslimen einzutreten. Als 2011 der Syrien-Krieg ausbrach, wurde die Jesuiten-Residenz in der uralten Stadt Homs zu einem Zufluchtsort für viele Menschen, deren Wohnungen den Kämpfen zum Opfer gefallen waren.

Im Februar 2014 veröffentlichte P. Van der Lugt einen Appell über die Situation der vom Hunger, psychischer Not, Unsicherheit und Medikamentenmangel geplagten Bevölkerung von Homs. Er informierte auch darüber, dass von den einst 60.000 Christen in Homs nur rund 70 geblieben waren. In einem Interview sagte der Jesuit: „Das syrische Volk hat mir so viel gegeben, so viel Liebenswürdigkeit und Inspiration. Wenn jetzt das syrische Volk leidet, möchte ich mit ihm Schmerz und Schwierigkeiten teilen“. Am 7. April 2014 wurde P. Van der Lugt von den üblichen „Unbekannten“ überfallen, geschlagen und durch Kopfschuss getötet.

In dem Animationsfilm ist die Stimme des niederländischen Jesuiten zu hören: Ein dringender Appell, dem Hass nicht das letzte Wort zu lassen.